Donnerstag, 19. Dezember 2013

Besuch in Brisneyland

Melbourne betrachtet sich gegenüber Brisbane als kulturell überlegen. Brisbane sei ein hedonistischer Vergüngungspark mit chronisch gutem Wetter, Brisneyland eben. Andere böse Zungen sagen auch Bris Vegas. Sicherlich wird hier jedes Klischee bestätigt: die ewige Sonne, endloser Strand, pisswarmes Meer, Surfer, Vergnügungsparks, Kasinos. Natürlich bin ich von keinem dieser Faktoren angezogen worden. Ein bisschen Sonne und Strand vielleicht. Der Anlass für meinen Besuch ist Anne, mit der ich ein paar Monate zusammen gearbeitet habe. Nun promoviert sie in Brisbane. Ich werde ein paar Tage hier verbringen, an der Uni vortragen, und eine kurze Auszeit genießen.

Brisbane liegt 1.500 Kilometer nordwestlich von Melbourne und ist umgeben von Orten mit solch phantasievollen Namen wie Gold Coast, Sunshine Coast und Surfers Paradise. Das Klima ist subtropisch, und die Regenzeit steht vor der Tür. Brisbane liegt nicht direkt am Meer, sondern am Brisbane River, der sich in seiner ganzen Breite mitten durch die Stadt schlängelt. Alleine der Fluss verdeutlicht, wie viel feuchter Queensland im Vergleich zu Victoria ist: Ähnelt der Yarra River einem Bächlein, so ist der Brisbane River ein tropischer Strom.

Brisbane CBD vom Aussichtspunkt West End
Ich reise mit dem Billigflieger an, wie es sich gehört. Für wenig Geld kann man quer durch Australien fliegen, und so wird das Land im Prinzip etwas kleiner. Doch auch ein Billigflug hat seinen Preis, den ich noch vor dem Start bezahle: zwei Stunden Verspätung. Exakt das gleiche passiert mir auf dem Rückflug noch mal.

Zunächst einmal lande ich in Brisbane und fahre mit dem Zug in die Innenstadt. Die sieht erst mal so aus wie der CBD in Melbourne, und sie nennt sich auch so. Anne holt mich am Bahnhof ab und wir steigen in einen Bus in ihr Viertel, ins West End. Sie ist gezielt hierher gezogen, da hier die Künstlerszene wohnt. Sobald wir den CBD verlassen und den Brisbane River überqueren, wird es gemütlicher. Die Häuser werden sofort niedriger, die Gärten größer, die Vegetation bunter. Auch als Fußgänger kommt man hier zurecht, und neben den Bussen gibt es Katamaranfähren, mit denen Anne jeden Morgen zur Uni fährt. Es ist ein Freitagnachmittag im Sommer, alle sind auf der Straße unterwegs, sitzen in den Cafés und Restaurants, alles blüht. Anne wohnt in einer Wohngemeinschaft in einem Haus mit riesengroßem, verwilderten Garten. Ich erspähe die Hängematte und fühle, dass sie mir meinen Urlaub versüßen könnte.

Mount Tibrogargan, Glasshouse Mountains
Am nächsten Morgen holt uns eine Freundin mit einem klapprigen Hyundai ab, wir klemmen zwei Surfbretter aufs Dach, und los geht's. Anne hat das Wochenende vollgepackt und durchgeplant. Vermutlich nehmen sich andere für die Tour eine Woche Zeit. Das erste Ziel sind die Glasshouse Mountains. Das sind ehemalige Vulkanschlote: Im Laufe der Zeit wurde die durch den Vulkan angehobene Erde von Erosion abgetragen, und die erstarrten Lavaströme im Vulkanschlot sind stehengeblieben. Ich bin selbst wie erstarrt bei dem Anblick. Als ich lese, dass die Steinnadeln auch geklettert werden, erwäge ich einfach hier zu bleiben.

Aber ich habe meine Ausrüstung in Melbourne gelassen, also steige ich wieder ins Auto und wir fahren nach Maleny. Dort gibt es Abendessen und eine Übernachtung. Maleny ist ein Hippiedorf. Recht früh haben sich hier wohl Aussteiger angesiedelt, um genossenschaftlich Landwirtschaft zu betrieben. Die Kneipen und Restaurants verbreiten einen Hauch von Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch die "Hippies" sind zu Geld gekommen, und so wird diese Atmosphäre in der Rechnung eingepreist. Die Livemusik ist schön und langsam, und zusammen mit dem Essen und den Erlebnissen des Tages werden wir müde.

Unser Frühstück am Sonntag schieben wir für eine halbe Stunde auf. Anne frühstückt sowieso nicht und uns fehlt auch noch der Joghurt für das perfekte Müsli. Wir fahren ein paar Minuten bis zu einem Aussichtspavillon. Dort decken wir auf und genießen "eines der besten Müsli der Welt" (so die Verpackung) und den Ausblick über die Hügel bis zur Sunshine Coast. Im Gegensatz zu Samstag sind wir früh auf den Beinen, und bevor wir zum Strand rollen, unternehmen wir einen Spaziergang durch einen Nationalpark, um wach zu werden. Trotz der frühen Stunde ist es schon warm, und als wir am Rock Pool vorbei kommen, der von zwei Mädchen mit einem Tarzanseil beplanscht wird, sehnen wir uns nach der Erfrischung. Eines der Mädchen erklärt uns ein paar Tricks und schon dürfen wir uns ins Wasser stürzen, natürlich mit Tarzanschrei. Später erfahre ich, dass noch niemand die Tiefe des Pools gemessen hat - er ist wohl sehr tief.

Unbekannte Echse
Natürlich ist unser Besuch viel zu kurz, und ich komme kaum dazu, Fotos zu machen. Die Vegetation ist anders als in Victoria, aber auch ein paar neue Tiere bekomme ich zu Gesicht. Macht man nicht zu viel Lärm, sitzt schon mal eine meterlange Echse auf dem Weg. Ich brauche mehr Zeit. Aber der Tag ist geplant, wir sind wieder auf der Straße und nehmen Kurs auf Noosa an der Sunshine Coast. Sicherlich werden wir hinter vorgehaltener Hand schon als verrückt erklärt, dass wir zwei Surfbretter durch die Berge und Nationalparks schleppen.

Noosa ist leider gar nicht mein Ding. Der Strand weiß, das Meer warm, und alles voller Sonnensüchtiger. Wir treffen auf weitere Freunde von Anne, und alle packen sich erst mal richtig fett in die Sonne. Ich schnappe mir mein Buch, kaufe mir einen Burger und setze mich unter eine Palme. So bringen wir die Zeit rum, bis es nicht mehr so stark runterbrennt, und bis wir endlich die Bretter vom Auto holen. Ich stand zuvor noch nie auf solch einem Board, und auch heute gelingt es mir nur für wenige Sekunden. Auch hier fehlt wieder die Zeit, aber nach einer Stunde habe ich zumindest eine Ahnung davon, wie es sein könnte, eine Welle zu reiten.

Das Wochenende geht zu Ende, wir fahren in der Dämmerung zurück nach Brisbane. Nicht nur ich bin geschafft vom vorgelegten Tempo. Anne wird die Woche über arbeiten, am Montag trage ich bei ihr an der Uni vor. Was unternehme ich die Tage danach? Alle meine Pläne verfliegen, die Faulheit setzt sich endlich durch. Gleich nach meinem Vortrag fahre ich zu Annes Haus und lege mich in die Hängematte. Lesen wird von Schlafen unterbrochen, ab und zu bummele ich durch das Viertel. Etwas zu Essen machen, ein wenig fotografieren. Mein Körper holt sich, was ich ihm zwei Monate lang verwehrt habe.

Aus Kinderschaukel wird Affenschaukel

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Marvellous Melbourne?

Typisches Wetter über Melbourne CBD, vom St. Kilda Pier aus fotografiert
Wenig Aufmerksamkeit habe ich in meinen Artikeln Melbourne gewidmet. Ursächlich dafür ist wohl, dass ich an den Wochenenden mit Erlebnissen überschwemmt wurde. Nur zweieinhalb Wochenenden waren wir in Melbourne selbst, und so wundert mich nicht, dass wir die Zeit in der Stadt weniger intensiv erlebt haben. Ungeachtet dieser Relation haben wir viel von der Stadt gesehen. Mit unseren Rädern haben wir sie erkundet. Viele Restaurants haben wir besucht und unerhört gut gespeist. Die Pinguine haben wir bewundert. Der Markt war regelmäßiger Anlaufpunkt, und auch Einkaufen kam nicht zu kurz. Für Claudia ist der Aufenthalt am Freitag zu Ende gegangen, die Fahrräder sind verkauft. Zeit für eine Würdigung unserer temporären Wahlheimat.

Unsere Wohnung liegt in Carlton, dem italienischen und Universitätsviertel. In den ersten Tagen nach unserer Ankunft haben wir die nähere Umgebung untersucht und die Kaffeekultur entdeckt. Der Legende nach haben italienische Einwanderer in den 1950er Jahren die erste Espressomaschine nach Australien gebracht und ein Café in der Lygon Street, dem Herz von Little Italy, eröffnet. Neben Kaffee gibt es dort italienische Süsigkeiten und Feinkost. Dort hat sich auch die feine Küche geformt, die sich in ganz Melbourne und darüber hinaus verbreitet hat. So steht die Lygon Street in ganz Australien sinnbildlich für Kulinarik, die den britischen Einheitsbrei von Fish 'n' Chips auflockert.

Das Café Brunetti in der Lygon Street
Auch abseits italienischer Restaurants lässt sich hervorragend speisen. Mein absoluter Favorit ist das Claypot in St. Kilda, ein Fischrestaurant mit französischem Flair und südostasiatischem Flavour. Neben den namengebenden Tontöpfen kann man aus dem reichhaltigen Angebot auswählen. Wir waren zweimal dort, haben jedoch keinen Red Snapper probiert, den wohl bekanntesten Fisch Australiens. Weiter ging es mit hervorragenden asiatischen Restaurants, in Erinnerung bleiben Kambodscha, Vietnam und Thailand. Das exquisiteste Restaurant, dem wir einen Besuch abgestattet haben, ist sicherlich der Mexikaner im östlichen CBD. Dank telefonischer Reservierung konnten wir einfach an der fünfzig Personen langen Schlange vorbei in den ersten Stock schreiten und uns an den mikroskopisch kleinen Fischportionen erfreuen.

Wenig Zeit haben wir in Bars verbracht. An jeder größeren Straßenecke - so wie in jedem noch so kleinen Dorf - gibt es ein Hotel; so werden in Australien die Kneipen bezeichnet. Dort trifft sich je nach Bekanntheit der umliegende Block oder die halbe Stadt. Ein Grund, warum man hier wenig Zeit verbringen sollte, sind schlicht die Alkoholpreise. Ein Bier in einer anständigen Größe kostet 10 Dollar, der Wein ist nicht billiger. Einen Cocktail haben wir nur ein mal bestellt. Lecker ist das Bier allemal. Die geschmackliche Bandbreite ist enorm, und so mancher Deutscher könnte Gefallen daran finden, würde er nur seine Überheblichkeit von wegen der Überlegenheit deutscher Biere etwas herunterfahren. Billig ist kein Getränk in Melbourne, nicht einmal das Wasser. Victoria ist im Sommer trocken, und so ist auch Trinkwasser kostbar.

Dank Thomas Erfahrungsfundus sind wir auf Milkshakes aufmerksam geworden. Thomas hat uns Jerry's Milk Bar in St. Kilda (Elwood, um genau zu sein) empfohlen, gleich um die Ecke seiner damaligen Wohnung. Die Milchbar ist durch Jerry wohl zu einer Institution geworden; wahrscheinlich war Jerry selbst eine Institution. Er hat die Bar übernommen, im Obergeschoss gehaust, und unten frische Austern aus Eimern verkauft. Die Nachbesitzer sind dann wohl wieder zum Milkshake und Kaffee übergegangen, und haben den Laden im Stil der 50er Jahre renoviert.

Jerry's Milk Bar (Für Thomas)
Nach St. Kilda sind wir gerne geradelt, schließlich grenzt Melbourne hier an den Sandstrand der Bucht. Einen Besuch wert ist der Pier, an dem sich aus irgendeinem Grund eine ganze Pinguinkolonie angesiedelt hat. Zur Abenddämmerung strömen die Touristen hierher und hoffen auf Scharen von Pinguinen, die aus dem Wasser hüpfen und in ihr Zuhause in den Felsspalte kriechen. Am Sandstrand kann man natürlich noch andere Sachen machen. Gerne gestehe ich, dass ich nur bis zu den Knien drin war. Aber Claudia hat sich das Badevergnügen vom berüchtigten Wetter nicht nehmen lassen.

A propos Wetter. Das Wetter verdient ein eigenes Kapitel, wenn nicht einen eigenen Artikel. Selbstverständlich hatte ich mich vorher schlau gemacht und war somit informiert, dass das Klima in Victoria nicht ganz mit der sprichwörtlichen Hitze Australiens mithält und an Europa erinnert. Was ich nicht ahnen konnte ist, dass wir hier einen der feuchtesten Frühlinge Victorias miterleben. Bei unserer Ankunft Anfang Oktober war es dann auch noch ziemlich kalt. Nicht dass uns das stören würde, aber für die Häuser hier ist Isolation ein Fremdwort. So haben wir tatsächlich ein paar Mal abends den Gasofen im Wohnzimmer angeschmissen, der große Hitze versprüht. Sobald wir ihn ausschalteten, wurde es aber prompt wieder kalt.

Über das Wetter in Melbourne sagt man, dass es four seasons in a day, also alle vier Jahreszeiten an einem Tag, bietet. Hier an der Küste trifft die heiße Luft aus dem Landesinneren auf eisige Winde aus Antarktika, und so schwenkt das Wetter enorm schnell um. Tatsächlich haben wir selten Dauerregen erlebt, dafür hat es nahezu jeden Tag einmal geregnet. Wenn die Sonne rauskommt, wird es sofort heiß. So kommt es, dass die Temperatur über den Tag problemlos zwischen 15 und 30° schwanken kann. Irgendwie finde ich das gut. Man kommt zwar nicht zum Sonnenbaden, aber das liegt mir eh nicht besonders. Dafür ist auch nie so lange schlechtes Wetter, dass ich schlechte Laune bekomme.

Erkundungstour in South Yarra
Melbourne wird immer wieder als besonders lebenswerte Stadt bezeichnet, und viele Magazine attestieren hohe Lebensqualität. Gründe, die zum Untermauern dieser Behauptung angeführt werden, sind das vielfältige kulturelle und kulinarische Angebot, abwechslungsreiche, gewachsene Nachbarschaften, ein gutes Nahverkehrsnetz, und schließlich ein Arbeitsmarkt, der einen hohen  Lebensstandard ermöglicht. Viele Argumente kann ich wohl noch nicht vollständig beurteilen, in manchen stimme ich überein, manchen aber trete ich entschieden entgegen.

Dass das Verkehrskonzept fast exklusiv auf Autos ausgerichtet ist, überraschte mich nicht. Die Stadt ist größtenteils in Planquadraten aufgebaut, an jeder Ecke treffen also zwei Straßen im rechten Winkel aufeinander, und der Verkehr muss geregelt werden. Natürlich bekommen Autos eine grüne Welle spendiert, während Fußgänger lange warten müssen, um die Kreuzung zu überqueren. Und ein paar hundert Meter weiter kommt schließlich die nächste Kreuzung. Besonders ärgerlich finde ich, dass man als Fußgänger per Knopfdrück für die nächste Grünphase betteln muss. Drückt man nicht, bleibt die Fußgängerampel einfach rot!

Nun zum Radverkehr. Zu meinen ersten Eindrücken von Melbourne zählen die vielen Radfahrer, die hier unterwegs sind, und die vielen Fahrradspuren. Nicht zuletzt diese Eindrücke haben uns dazu veranlasst, uns möglichst schnell eigene Räder zuzulegen. Doch die Realität der Radfahrer sieht nicht so rosig aus, wie vorerst angenommen. Die meisten Radspuren sind zwischen Parkplätzen und der Autospur angelegt. Dass in Australien Linksverkehr herrscht, macht die Sache für mich noch komplizierter. Links der Spur parken Autos, deren Fahrer jederzeit die rechte Tür aufreißen können. Von rechts donnern Horden von Autos vorbei. Die grüne Welle der Ampeln ist auf die Geschwindigkeit der Autos abgestimmt, mit dem Rad darf man also bei etwa jeder zweiten Kreuzung anhalten. Zügig kommt man so nicht voran.

Fahrradfreundlich sind hingegen einige Rail Trails auf ehemaligen Bahnstrecken und Fluß- oder Kanalradwege, auf denen man schnell weite Distanzen zwischen Stadtteilen zurücklegen kann. Auch auf dem Strandradweg in St. Kilda kann man lange ohne Kreuzungen oder Ampeln radeln. Leider kann man deren Anzahl an den Fingern einer Hand abzählen, so dass sie zusammen kein Netz bilden.

Erwähnenswert finde ich auch die australienweite Helmpflicht. Das Gebot zum Tragen eines Helms auf dem Fahrrad ist unbestreitbar. Auch wenn nur wenige Stürze auf dem Kopf enden, so sind die Folgen fatal, wenn es doch soweit kommt. Andererseits ist das Fahrrad ein Verkehrsmittel ähnlich dem Fußgang, dessen Ziel auch mal der Supermarkt um die Ecke sein kann. Auf die Schnelle vergisst man dann seinen Helm. (Ich würde das nicht schreiben, wenn mir das nicht zwei mal passiert wäre.) Nun wird das Vergessen hier aber mit einem Vergehen gleichgesetzt, auf das eine Bußgeldstrafe von 180 Dollar ausgesetzt ist. Die Diskussion und einige Studien kreisen um die Frage, ob die Helmpflicht in Verbindung mit den hohen Geldstrafen Verkehrsteilnehmer vom Radfahren abhält.

Melbourne zentriert sich um den CBD, den Central Business District. Am Yarra River gelegen, wurden diese Planquadrate von den ersten Siedlern angelegt und bebaut. Melbourne ist dabei eine der wenigen Städte Australiens, die nicht als Strafkolonie, sondern als zivile Siedlung errichtet wurden. Um dieses Zentrum herum hat sich Melbourne im Laufe von über zweihundert Jahren ausgebreitet. Und breitet sich auch heute noch aus. Die Vorlieben der Australier scheinen sich exklusiv in Einfamilienhäusern mit Kleingarten niederzuschlagen. Im CBD wurden die einstöckigen Häuser nach und nach von Wolkenkratzern und Zweckbauten verdrängt, aber schon in der unmittelbar angrenzenden Peripherie erstrecken sich die eingeschossigen Privatbauten bis über den Horizont.

Arbeitsplätze gibt es fast ausschließlich im CBD, Wohnraum erstreckt sich bis an die Stadtgrenzen. Die Auswirkungen kann man sich leicht ausmalen: Die Melburnians nehmen elendig lange Pendelzeiten in Kauf. Überwiegend natürlich mit dem Auto, wobei man zu den Stoßzeiten von den äußersten Vororten bis ins CBD schon mal zwei Stunden unterwegs ist. Lösungen sind kaum in Sicht. ein Unternehmen in den Vororten oder gar einer Vorstadt anzusiedeln, kommt vermutlich geschäftlichem Selbstmord gleich. Und Wohnraum in der Innenstadt ist auch bei dem hohen Einkommensniveau kaum bezahlbar.

hardrock - unsere Kletterhalle in Melbourne CBD
Vieles haben wir ausprobiert, aber noch sehr viel mehr blieb unentdeckt. Wir haben uns nicht in der Musikszene bewegt, uns nicht mit Kunst beschäftigt, nicht ein einziges Museum betreten. Eine Bildungsreise haben wir demnach nicht hinter uns. In so manchen spannenden Stadtteil haben wir hineingeschnuppert, diesen aber nicht weiter erkundet. Brunswick ist uns gleich am ersten Abend als studentisch und alternativ aufgefallen, aber außer zwei Abendessen sind wir dort nicht rumgestrolcht. Fitzroy war Claudias auserwähltes Shoppingziel, und die Gegend hat sicherlich noch viel mehr zu bieten. Und viel zu selten haben wir die Stadtteile südlich des Yarra River besucht.

Zur Zerstreuung unserer Arbeitswochen sind wir an nahezu jedem Wochenende aus Melbourne geflüchtet, um Natur zu erleben. Das Klettern, das ich erst im August für mich entdeckt hatte, prägte unseren Aufenthalt. Erste Anlaufstelle war die Kletterhalle hardrock mitten im CBD, hinter deren Glaswänden wir uns häufig in der Vertikalen bewegt haben. Hier sind wir auf  Ksenia und Nik gestoßen, die uns auf den Mountaineering Club hingewiesen haben. Dem Club sind wir sofort beigetreten, haben dort Abenteuerfotos und Kletterfilme geschaut, Abenteurer kennen gelernt, Ausrüstung geliehen und Ausflüge unternommen.

Melbourne bleibt mir fidel, rastlos, mondän, intellektuell, laut, abwechslungsreich, multikulturell, offen, fordernd in Erinnerung. Ein bisschen wie Berlin. Vor ein paar Jahren wäre ich vielleicht hier geblieben. Diese Gefahr besteht gerade nicht - hallo Mama! - , aber auf Besuch wieder zu kommen wäre schön.

Samstag, 30. November 2013

Die Welt der Grampians

Das leise Tröpfeln des Nieselregens lässt nach, durch die Zeltplane zeichnet sich das erste Tageslicht ab. Ich öffne die Augen. Mein Sichtfeld ist durch meinen neuen Daunenschlafsack eingeschränkt, der wie eine fluffige Wolke um mich herum wabert. Ich öffne die Wolke mit dem Reißverschluss, ziehe warme Klamotten an, und schiebe mich durch die Zeltöffnung ins Freie. Die Lichtung, auf der der Zeltplatz angelegt ist, leuchtet vor nassem grünen Gras, das von einem guten Dutzend Kängurus genagt wird. Sie beachten mich nicht einmal, wie ich zwischen ihnen durch den Nieselnebel zum Klohäuschen schreite.

Heute zum Frühstück: In Milch gekochte Haferflocken mit Nüssen, Früchten und etwas Schokolade
Victoria erfährt in diesem Frühling enorme Regenmengen. Viele Australier versichern mir, dass sie ihr Land noch nie so grün gesehen haben. So sind auch die Grampians von sattem Grün überzogen, dieses hundert Kilometer lange Sandsteingebirge, das in Nord-Süd-Richtung von Schluchten durchzogen wird. Es wirkt an diesem Frühlingswochenende wie eine Wetterscheide. Die Süd- und Zentralgrampians versinken im Regen, halten die Wolken aber auch vom Weiterziehen ab. Der Norden ist weitgehend trocken.

Wir sind auf dem Weg zum Sentinel, dem Wächter, einer Höhle in einer Felswand. Der Zustieg erfolgt entlang eines Bächleins, das immer schmaler wird und schließlich in Pfützen in einer Schlucht endet. Diese Felsspalte geht es hinauf, um auf das Plateau unter der Höhle zu traversieren. Mit dem ersten Schritt auf diese Anhöhe verschiebt sich die Realität um ein paar Millimeter. Die Wand steigt immer stärker and und endet in einem Dach über unseren Köpfen. Die immer wieder auftretenden Schauer siegeln die Höhle von der Aussenwelt ab. Der Blick hinaus verläuft durch einen Schleier über die nördlichen Gipfel der Grampians in die weiten Ebenen bis hinüber zum Mount Arapiles. Die Höhle leuchtet rot und orange, aber die umgebenden Felsen sind granitgrau. Es wirkt, als habe jemand diese Höhle in die Wand gegraben, um eine Aussichtsplattform oder einen Wachtturm zu schaffen.

Tom springt zum Ziel
Die Pioniere unter uns packen die Ausrüstung aus, sortieren Seile und klinken die ersten Karabiner ein. Im Überhang gilt es, das Ende des Daches zu erreichen. Die Kletterer müssen alles geben, um gegen die Schwerkraft zu bestehen und sich im orangerot des Quarzits festzukrallen. Für mich ist das leider noch Träumerei. Im August habe ich erstmals Kletterluft geschnuppert, und der Weg ist steinig. Im Überhang zu klettern ist nicht nur besonders kraftaufwändig; die Routen sind hier technisch so ansruchsvoll, dass ich keine Chance habe. Im Eingangsbereich der Höhle liegen zwei Anfängerrouten, die einfach nur nach oben gehen. Sie sind nett zu klettern, versprühen aber nicht das Besondere wie die Routen durch das Dach. An der nächstschwereren Route im Überhang scheitere ich. Das nagt etwas an mir, macht mich aber nicht unzufrieden. Die Stimmung in der Gruppe ist gemeinschaftlich, und jeder wird beim Verfolgen des eigenen Ziels angefeuert. Jeder kann an diesem Tag persönliche Erfolge verbuchen.

Gegen Abend wird es trocken, und vor Einbruch der Dunkelheit treten wir aus der Höhle. Bevor das Tageslicht entschwindet, bemerken wir für einen Moment die Außenwelt. Als sich das Schwarz ausbreitet, hat uns die Sagenwelt der Grampians wieder eingesogen. Auf dem Weg zu den geparkten Autos finden wir eine Lichtung, auf der wir unsere sechs Zelte aufstellen. Im großen Kreis werden Kocher aufgestellt und Nahrungskisten aufgemacht, und in der Mitte ein Feuer entzündet. Vor dem Einschlafen höre ich, wie jede Menge Getier um unser Lager schleicht. Scheue Tiere, die sich - ungleich der Kängurus - nicht blicken lassen und im Schutz der Dunkelheit unsere Anwesenheit prüfen.

Schwarz und Grün
Der nächste Morgen verspricht Sonne und Trockenheit. Das Studieren von Büchern und Karten gibt uns den Weg zum Weirs Creek vor. Die Straße dorthin wird immer schlechter und ist an einer Weggabelung halb versperrt. Unsere drei Autos rumpeln hindurch. Als wir nicht mehr weit vom Ziel entfernt sind, muss ein erster, dann ein zweiter Wagen zurückgelassen werden und deren Insassen zu Fuß voran schreiten. Der dritte schafft es noch durch eine kleine Furt, dann müssen auch dessen Mitfahrer aussteigen. Die Straße versandet daraufhin und hört einfach auf. Die Wand haben wir schon im Auge, so kämpfen wir uns querfeldein durch den Wald. Dieser besteht aus schwarzen, verbrannten Baumstämmen, die schon an jeder erdenklichen Stelle wieder ergrünen. Um uns herum besteht ein nie gesehener Schwarz-Grün-Kontrast, der wohl nicht besser den Gegensatz von Tod und Leben symbolisieren könnte.

Der Boden ist von Sand überschwemmt, und mit jedem Schritt sinken wir ein. Obwohl wir die Wand schon sehen können, ist es noch ein beschwerlicher Weg dorthin. Besonders der Anstieg lässt die Zeit zäh wie Honig vergehen, bis wir alle oben sind. Der Anblick nimmt uns wieder den Atem: Die Wand ist voller Waben und tiefer Taschen, gelocht wie ein Schweizer Käse. Blicken wir zurück in die Ebene, sehen wir eine postapokalyptische Landschaft von versengten Baumstämmen, deren fehlende Kronen nichts verbergen. Wie schon gestern fühlen wir uns am Übergang zweiter Welten, zwischen Stein und Außenwelt.

Tim in der Lochwand


Die Kletterwand ist umgarnt von schwarzen Baumstämmen, aber der Fels steht da wie eh und je. Die Route hier ist das schönste, was ich jemals geklettert bin. Zunächst geht es im leichten Überhang schräg nach oben. Die Waben bieten perfekten Halt - manche nur für einzelne Finger, andere sind so groß dass ich den ganzen Fuß hineinstellen kann. Nach gut zehn Metern verändert sich die Route, als käme ich auf die Außenseite des Berges. Es ist weniger steil, und die Löcher verschwinden. Nun hangele ich mich an kleinen Rissen und herausragenden Griffen nach oben. Die Route ist 25 Meter lang, eine richtige Ausdauerleistung.

Das Erlebnis lässt uns nur schwer los. Auf dem Rückweg zu den Autos zerfallen wir in kleine Gruppen, von denen sich zwei im Busch verlaufen. Als wir endlich wieder auf Asphalt sind, können wir unsere Eindrücke kaum in Worte fassen. Stumm und doch wissend rollen wir durch die Ebenen, die von uralten und dicken Eukalyptusbäumen geprägt sind. Unsere Gespräche kreisen um die Natur und die Möglichkeit eines autarken Lebens hier auf dem Land. Einem Auto geht auf den langen Distanzen zwischen den Städtchen das Benzin aus und schafft es bangend bis zur einzigen Tankstelle. Die Natur hat uns noch fest im Griff.

Zwischen den Welten

Die Motivation der Australier, ihr eigenes Land zu erkunden, begeistert mich durch und durch. Die zahlreichen Nationalparks, in denen die Natur wirklich erlebbar ist. Die endlosen Weiten, die man in Victoria nur erahnen kann. Es gibt in diesem Land so unendlich viel zu entdecken, dass es für ein ganzes Leben reicht. Von diesem Erlebnis werden wir, ob Australier oder Besucher, noch lange zehren.

Donnerstag, 21. November 2013

Ein-Gang-Menü

In Australien gibt es keinen nennenswerten Personenverkehr mit der Eisenbahn. Drei transkontinentale Fernverkehrslinien werden hauptsächlich für den Tourismus betrieben. Darüber hinaus gibt es vereinzelte Städteverbindungen, die jedoch elend langsam sind. Für meinen geplanten Besuch in Brisbane habe ich die Option Bahn schnell verworfen: Für etwa 2.000 Kilometer nimmt sich die schnellste Verbindung 33 Stunden Zeit.

Dabei ist Railway kein Fremdwort in Australien. Der Güterverkehr spielt auch heute eine herausragende Rolle, ganz besonders im fernen Nordwesten, wo sich kilometerlange Kohlegüterzüge zu den Häfen schlängeln. Zur Überbrückung der langen Strecken wurde im 19. Jahrhundert stark in die Eisenbahn investiert. Problematisch war hierbei, dass Australien noch nicht vereinigt war, und die Bahngesellschaften der einzelnen Kolonien jeweils eigene Spurweiten verlegten. So konnten praktisch keine grenzüberschreitenden Züge betrieben werden. Auch heute noch basiert das australische Eisenbahnnetz auf drei verschiedenen Spurweiten. Auf vielen Verbindungen muss man entweder umsteigen, oder der Zug wird aufwändig umgespurt.

Eisenbahnnetz in Victoria um 1947 (Quelle: Wikipedia)
Die Karte verdeutlicht, wie dicht das Schienennetz alleine in Victoria gestrickt war. Besonders die Goldfunde haben zur schnellen Expansion beigetragen. Als der Goldrausch vorüber war, zeigte sich vielerorts, wie wenig nachhaltig die vorschnellen Investitionen waren. Darüber hinaus hat auch hier der Siegeszug des Automobils dafür gesorgt, dass viele Strecken - auch Hauptstrecken - geschlossen wurden. Viele Nebenstrecken retteten sich noch über den zweiten Weltkrieg hinweg. Von den zahlreichen Strecken werden im Planverkehr nur noch vier betrieben, die sich wie ein X auf Melbourne zentrieren.

Die rote Markierung in der Karte zeigt zwei Nebenstrecken, die von der Relation Melbourne-Canberra-Sydney abzweigten. Als Beechwort durch Gold zu Reichtum gekommen war, sollte die Hauptstrecke hierdurch verlegt werden. Da die Stadt aber auf 600 Meter Höhe liegt, wurde die Strecke nördlich der Berge verlegt, und Beechworth wurde 1876 schließlich über eine Nebenstrecke erschlossen. Ein paar Jahre später wurde von dieser Strecke eine Abzweigung in den Südosten nach Bright verlegt. Hundert Jahre später wurden beide Nebenstrecken aufgegeben und die Gleise abgebaut.

Am Start in Wangaratta
Dann wurden die Bahnstrecken in vollständig geteerte Radwege umfunktioniert, in einen Rail Trail. Rail Trails zeichnen sich dadurch aus, dass die Steigung nie richtig steil wird, da sie auch immer für einen Zug zu bewältigen sein musste. Sie sind auch deshalb sehr beliebt, da die Wege frei von Autoverkehr sind. Das ideale Testgelände für unsere knallbunten Räder, die wegen ihrer fehlenden Gangschaltung nicht gerade gebirgstauglich erscheinen. Ab Wangaratta - bis dorthin trägt uns die Bahn aus Melbourne - rollen wir den Bergen entgegen. Die Strecke ist tatsächlich flach und verläuft zwischen Feldern und Eukalyptusbäumen.

Auch im 19. Jahrhundert konnten Dampfloks schon so manche Steigung überwinden, und das ganz ohne Zahnradunterstützung. Dies wird uns sehr bildhaft vermittelt, als wir uns im Anstieg nach Beechworth befinden, wo sich die Strecke teilt. Entlang eines Bergrückens zieht sie sich über 15 Kilometer lang nach oben und überbrückt auf diese Weise 400 Höhenmeter. Im Vergleich zu unseren Trainingsstrecken im Odenwald wird der Rail Trail nie richtig steil und pendelt sich bei stetigen drei Prozent Steigung ein. Aber im Gegensatz zu unseren Trainingsrunden haben wir hier keine Möglichkeit, einen Gang runter zu schalten.

Und so wird es härter. Aus dem hochfrequenten Kurbeln wird richtiges Treten, das ab und an ins Stocken gerät. Es wird nie richtig unangenehm, aber es ist doch eine harte Bergprüfung. Auf Dauer ist die Belastung für die Knie spürbar. Wie auch immer, eine halbe Stunde später sind wir oben und es ist halb zwölf: Essenszeit!

Die Goldgräberstadt Beechworth
Beechworth gilt als touristisches Juwel, dessen Stadtbild die Stimmung des Goldrausches originalgetreu wiedergibt. Wir fahren zielstrebig auf die Bäckerei zu, die vor lauter Besucher birst. Nach ein paar Wraps und Skones lernen wir, dass diese Bäckerei weit über die Stadtgrenzen berühmt ist. Da haben wir wohl alles richtig gemacht. Für eine kleine Stadttour ist noch Zeit. Wie schon an anderen Plätzen, finden wir auch hier die Telegraphenstation. Dort gibt es eine kleine Ausstellung zur ehemaligen Bahnstrecke und sogar ein Modell des Bahnhofs Beechworth.

Ich freue mich schon auf das Weiterfahren - zu lange war ich nicht mehr auf Radtour. Obwohl uns der Aufstieg etwas in den Knien steckt, rollen wir weiter. Die Belohnung folgt sogleich: Auf der Landstraße schießen wir den Berg hinunter, um alsbald wieder auf den Rail Trail zu gelangen, der nun gemächlich nach hin Bright ansteigt. Einigermaßen flott radeln wir weiter, auch wenn uns ein leichter Wind entgegenkommt.

Liegt Beechworth eigentlich nur auf einem Hügel, so zeigt sich hier, warum das Gebirge als High Mountains oder alpin bezeichnet wird. Südlich unserer Route zeichnet sich der Granitgigant Mount Buffalo ab - übrigens eine der drei großen Kletterdestinationen Victorias.

Mount Buffalo im Frühling
Immer gemächlicher ziehen wir uns die leichte Steigung hoch, bis wir nach hundert Kilometern unser Tagesziel erreichen. Bright ist ein Wintersportzentrum, das wir jetzt im australischen Frühling besuchen. So sind auch die Hotels vom Wintersport geprägt, und an jeder Ecke kann man Ski leihen. Im Sommer spricht die Gegend kulinarischen Tourismus an. Entlang des zweiten Teils der Strecke wird Wein angebaut, und die lokale Küche hat einen guten Ruf.

Natürlich haben wir schon wieder Hunger und suchen auch gleich das Restaurant Ginger Baker auf, in welchem sich heimische Küche mit Tapas verbindet. (Hier gibt es ein Foto.) Die kleine Hütte ist extrem gemütlich, aber im Winter ist es sicher zugig. Die Heizstrahler verraten aber auch hier das australische Konzept, nach dem einfach warm gemacht wird wenn Wärme nötig ist - Isolation spielt dabei keine Rolle. Nach ein paar Tapas und einem Ginger Pudding fallen wir auf der anderen Straßenseite ins Bett.

Am nächsten Morgen steht die Rückfahrt an, ohne den Abstecher über Beechworth: das sollte machbar sein! Im Prinzip geht es immer ganz leicht bergab. Der Vortag steckt uns jedoch in den Knochen. Häufig ist das Gefälle so flach, dass man es gar nicht bemerkt und richtig treten muss. Zudem hat der Wind gedreht und bläst uns aus dem Tal entgegen. Und viele kleine Gegenanstiege senken die Moral.

So spulen wir die Kilometer ab, ohne dass richtige Freude aufkommt. Eigentlich haben wir ja gestern schon alles entlang der Strecke gesehen. Unsere Räder sind auch nicht wirklich für solch eine Tour gemacht. Ohne Gepäckträger müssen wir alles auf dem Rücken tragen. Neben der fehlenden Gangschaltung nervt mich vor Allem der Lenker, der viel zu schmal ist und dessen Griffe keine bequeme Position erlauben. Meine Hände sind müde und ich lege sie nur auf den Lenker, anstatt diesen zu umgreifen.

Und dann übersehe ich diesen Ast, der da im Schatten eines Baumes auf dem Weg liegt. Überraschend taumelt der Lenker, und ich überlege noch wie ich diesen halten kann - da fliege ich schon in den Graben. Hände, Arme, Schulter und Knie sind aufgeschürft, und zu allem Überfluss setzen sich auch noch die berüchtigten australischen Fliegen, die einen überall belästigen, auf die Wunden. Durch etwas Glück im Unglück taucht gleich darauf eine Gruppe von fünf Radfahrern auf, die ein Verbandspäckchen dabei haben. So kann ich mich mit ordentlich Desinfektionssalbe und einer Kompresse erstversorgen.

Was tun? Nach Wangaratta sind es noch 30 Kilometer, und meine rechte Hand freut sich nicht gerade darauf, den Lenker zu greifen. Claudia findet heraus, dass man über den Highway abkürzen kann und zehn Kilometer spart. Da sie gerade gute Beine hat, macht sie ordentlich Dampf und nimmt mich in den Windschatten. So schießen wir auf dem schnurgeraden Highway nach Wangaratta, und ich muss nichts tun als ein wenig treten. Dort müssen wir nur noch Essen besorgen und in den Zug nach Melbourne steigen. Nun sollte nur kein Ast mehr auf der Straße liegen...

Sonntag, 10. November 2013

Auf dem Riff des Mount Arapiles

Der Mount Arapiles ist ein einziges Riff, das aus der endlos flachen Umgebung herausragt wie aus dem Meer. Die kilometerlangen Klippen, die über hundert Meter aus der Ebene herausragen, bestehen vollständig aus Quarzit. Ursprünglich eine Ansammlung von Sandstein, wurde dieser durch die Hitze und den Druck unterirdischer Magmaströme zu metamorphem Gestein verschmolzen. Das Quarzit des Mount Arapiles ist extrem hart und kompakt.

Und tatsächlich war die Ebene vor Urzeiten vom Wasser bedeckt, und die Klippen wurden vom Meer umspült. In Bodennähe ist das Gestein vom Wasser geformt, wohingegen es nach oben zerfurcht in den Himmel ragt. Heute schaut man nach Norden über das Flachland, und im Süden zeichnet sich das Gebirge der Grampians ab.

Mount Arapiles and the Mitre Rock, Gemälde von Nicholas Chevalier, 1863 (Quelle)


Immerhin bis 1963 hat es gedauert, bis ein paar Bergsteiger aus Melbourne auf den Mount Arapiles als Klettergebiet aufmerksam wurden. Von dort sind 350 Kilometer Anfahrt zu bewältigen. Auch heute ist der Berg hauptsächlich unter Kletterern bekannt, die meisten Erholungssuchenden und Touristen bleiben eine Fahrstunde vorher in den Schluchten der Grampians hängen.

Aber jedem Kletterer auf der Welt ist der Berg ein Begriff, der in einem Atemzug mit Yosemite, Arco und Frankenjura genannt wird. Wie im Yosemite in Kalifornien fanden sich hier in den 60er Jahren Naturliebende, Bergsteiger, Hippies und Punks zusammen und richteten sich auf dem Zeltplatz The Pines unter den Kiefern ein. Auch heute versprüht der Zeltplatz mit Regenwassertanks und Plumpsklos noch diesen Charme. (Natürlich ohne Strom und Duschen - dafür fast umsonst.) An diesem Wochenende kommen viele Kletterpioniere zusammen und feiern die fünfzigjährige Erstbegehung der ersten Kletterroute. Auch uns nimmt der Zeltplatz für das verlängerte Wochenende auf. Als frischgebackene Mitglieder des Melbourne University Mountaineering Club sind wir angerückt, um uns ausgiebig dem Berg und seinen Klippen zu widmen.

Ryan vor dem Pines Camp Ground



Ich habe einiges über das Klettergebiet gelesen. In vielen Führern wird er als „legendäres Massiv traditionellen Kletterns“ bezeichnet. Die Lesart ist hierbei, dass am Mount Arapiles traditionelles Klettern ausgeübt wird. Wir sind es gewohnt, an jeder Stelle in der Wand einen Haken vorzufinden, in den wir uns einhängen können. Traditionelles Klettern hingegen bedeutet, dass der Fels so weit wie möglich von menschlichen Eingriffen verschont bleibt. Konkret heißt das, dass so gut wie keine Haken in den Fels gebohrt werden.

Am Mount Arapiles muss jegliches Sicherungsmaterial vom Kletterer selbst angebracht und nach der Begehung wieder entfernt werden. Dafür wird spezielle Ausrüstung benötigt, mit der ein Kletterer aussieht wie ein behängter Weihnachtsbaum. Es bedarf etwas Übung, um die Klemmkeile und -geräte belastbar in den Rissen und Spalten zu versenken.

Meine Fehlinterpretation der Bezeichnung traditionelles Klettern ist glücklicherweise nicht schwerwiegend, da alle Kletterer in unserer Gruppe traditionelles Klettern beherrschen und sich somit independent climber nennen dürfen. Weil Claudia und ich das nicht von uns behaupten können, werden wir Ryan und Katy als Seilschaftspartner zugeordnet

Dann kann es also losgehen. Am ersten Tag geht es an den Mitre Rock, der rechts auf dem Gemälde zu sehen ist. Als Katy und ich die erste Route klettern wird mir klar, wie anders traditionelles Klettern im Vergleich zum mir bekannten Sportklettern ist. Zunächst wird viel einfacher geklettert, so dass immer gute Griffe und Tritte vorhanden. Schließlich muss man sich gut festhalten können, um das Sicherungsmaterial anzubringen. Weiterhin nimmt eine Begehung viel mehr Zeit in Anspruch. Die Sicherungspositionen sind erst einmal zu bestimmen, um dann die Sicherung anzubringen. Ist der Vorsteiger oben oder am Ende einer Seillänge angekommen, muss er einen Ankerpunkt errichten und den Nachsteiger (also mich) sichern. Der Nachsteiger ist dann damit beschäftigt, das Sicherungsmaterial wieder aus der Wand zu ziehen.

Am Ende des Tages sind wir doch ziemlich verstört. Wir waren den ganzen Tag am Fels, sind aber kaum geklettert! Und die Routen, die wir gegangen sind, waren so einfach, dass wir noch nicht einmal Ermüdungen an Armen oder Beinen spüren. Das soll nun das mythische traditionelle Klettern am Mount Arapiles sein?

Die Organ Pipes, von der Seite leider nicht so eindrücklich
Der zweite Tag bringt die Wende. Nach einer ordentlichen Lehreinheit an einem kleinen Fels abseits des Massivs sind Claudia und ich mit der Sicherungstechnik vertrauter und können das traditionelle Klettern etwas besser einschätzen. Nachmittags widmen wir uns endlich dem Hauptmassiv, und dort im speziellen den Organ Pipes, einer Reihe von Felsnadeln, die eben so aussehen wie die Pfeifen einer Orgel. Unsere Felsnadel trägt den schönen Namen D Major. Schon auf den ersten Metern wird mir klar, wie gut die Qualität des Steins zum Klettern ist. Überall ragen zerfurchte, unglaublich harte Griffe aus der Wand, und die Spalten sind so tief, dass man sich bequem darin festklemmen kann. So lassen sich zu den Keilen auch Schlingen um ganze Felsnadeln herum legen und in die Sicherung einbeziehen. Der gesamte Klettervorgang geht flüssig von der Hand.

Die Organ Pipes sind deutlich höher als der Mitre Rock am Vortag. So steigen wir an diesem Nachmittag 75 Meter auf die Spitze der Nadel und werden mit einem wahnsinnigen Ausblick belohnt. Das Glück des Kletterers ist nicht nur das reine Klettern, das den Weg zum Ziel macht, sondern auch ein wenig die Gipfelbesteigung. Beim Sportklettern herrschen oft kurze Routen vor, die kaum eine Aussicht herbeizaubern können. Hier am Mount Arapiles begreife ich den Zusammenhang von Klettern und Bergsteigen.

Für Claudia wird der dritte Tag zum unfreiwilligen Ruhetag. Die Sonne ist unser ständiger Begleiter, und auch wenn man teilweise im Schatten klettern kann, so ist man ihrer Strahlung doch ständig ausgesetzt. Trotz Sonnenblocker und Helm oder Hut hat sie Claudia zugesetzt und zwingt sie zum Aussetzen.

Dunes, von Claudias Schattenplatz aus fotografiert (der Punkt ganz oben bin möglicherweise ich)
Für mich wird der dritte Tag zum Höhepunkt unseres Kletterausflugs an den Mount Arapiles. Die Begehung einer Big Wall steht an, also einer besonders langen Route, die mit mehreren Seillängen bewältigt wird. Ryan und Katy haben Dunes mit einer Länge von 109 Metern ausgesucht, und als Dreierseilschaft wandern wir vom Zeltplatz zur Felswand. Claudia begleitet uns dorthin und macht es sich unten im Schatten mit der Kamera bequem.

Zu dritt klettert es sich kaum langsamer als zu zweit, und die zusätzliche Gesellschaft beim Warten oder beim Sichern wiegt das vollständig auf. Und diese Route hat alles, was beim Klettern Spaß macht: tolle Griffe und Kombinationen, trickreiche Schlüsselstellen, plateauartige Standplätze, und alles an diesem wunderbar griffigen und harten Quarzit. Manche Griffe sind allerdings so hart und kieselig, dass der Stein beim Festhalten in die Hand einschneidet.

Meine Seilschaft am ersten Standplatz
Keinerlei Gedanken mache ich mir über meine Höhenangst. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen ich kaum auf den Kölner Dom kam, aber ein wenig mulmig kann mir beizeiten schon noch werden. Ein klein wenig Mut gehört schon dazu, vom dritten Standplatz aus noch einmal in einen Überhang zu klettern oder ein paar Meter zu traversieren. Angst habe ich jedoch zu keinem Zeitpunkt. Vermutlich wird sie überragt von den Glücksgefühlen, die mich die Wand hochtragen. Oben stehen wir tatsächlich an einem der höchsten Punkte des ganzen Berges, und auf den zwei gegenüberliegenden Felskuppen steht jeweils Kletterer. Der Blick nach Norden geht über unseren Zeltplatz hinweg in die ewigen Weiten Australiens.

Neben all dem möchte ich zwei weitere Geschichten nicht verschweigen. Die eine spielt sich ab, als ich mit Ryan weit oben in Dunes an einem Standplatz stehe und Katy auf dem Weg zu uns herauf ist. Unser Standplatz ist geprägt von dem riesigen Anker, an dem wir angeseilt sind. Da kommt plötzlich ein Kletterer über die Felskante, grüßt kurz, und ist auch schon auf dem Weg nach oben. Der junge Mann begeht die Route im freien Solo, er ist vollkommen ungesichert.

Die zweite Geschichte ereignet sich, nachdem wir uns von der Spitze abgeseilt haben und wohlbehalten am Ausgangspunkt am Fuße des Berges angelangt sind. Ryan und ich gehen den steilen Pfad zum Zeltplatz voraus, als Katy hinter uns einen Schrei loslässt. Mit nachlassender Konzentration nach der ganztägigen Kletterei und nur mit Flip-Flops an den Füßen stolpert sie und fällt mit dem rechten Schienbein auf einen Stein. Ihre Schreie klingen nach einem Frakturbruch, mindestens. Wir schleppen und tragen sie bis zum Zeltplatz, wo wir sie in ein Auto verladen und in die nächste Stadt ins Krankenhaus fahren. Glücklicherweise ist nichts gebrochen.

Die beiden Geschichten zeigen, mit wie viel Konzentration ein Kletterer bei der Sache ist. Dies gilt natürlich in extremem Maße für den ungesicherten Solokletterer, für den jeder Fehler tödlich ist, aber natürlich auch für uns, die wir uns jedes Handgriffes vergewissern, um uns gegenseitig zu sichern. Andererseits hört eine Route nicht am Gipfel auf und auch nicht am Fuße des Berges, sondern erst wenn der Abstieg vollendet ist. Sicherlich neigt man dazu, die Konzentration gehen zu lassen, wenn man oben angelangt ist, aber zumindest ein wenig davon sollte noch für den Rückweg übrig sein.

Das traditionelle Klettern beschäftigt mich nachhaltig. In Deutschland gibt es endlose Uneinigkeit zwischen gut gesicherten Sportklettergebieten wie dem Blautal oder dem Frankenjura und traditionellen Klettergebieten wie der Sächsischen Schweiz oder auch der Pfalz. Dabei handelt es sich einfach um verschiedene Disziplinen, die für mich beide einen Reiz haben. Traditionelles Klettern ist viel natürlicher in dem Sinne, dass ein Fels einfach so bestiegen wird, wie er anzutreffen ist. Dabei ist die Gangart von Langsamkeit und Bedacht geprägt, und ein Sturz wird tunlichst vermieden. Beim Sportklettern begeht man präparierte Routen, auf denen ein Sturz zur Tagesordnung gehört, und die deshalb auch viel schneller begangen werden, weil man sich um die Sicherung eben keine Gedanken macht.

Geschafft und glücklich
Es hat mich gepackt, und kaum zurück in Melbourne habe ich mir meine ersten zwei Klemmgeräte gekauft. Ganz besonders gespannt bin ich auf das Klettern daheim in der Pfalz, wo die Kletterrouten recht wenige Bohrhaken aufweisen, dazwischen aber jede Menge Platz zum Üben mit eigenem Sicherungsmaterial lassen.

Mittwoch, 6. November 2013

Alltagswechsel

Unser Aufenthalt in Melbourne stellt einen herausragenden Wechsel dar. Zwar sind wir nahezu jedes Wochenende auf Achse, aber die größte Veränderung liegt doch im Alltäglichen. Anfangs war jedes Detail spannend, das uns unbekannt und neu vorkam. Mittlerweile fühlt sich vieles gewohnt an - Alltag eben.

Erster Stock links - unser Wohnzimmer

Wir wohnen im International House der University of Melbourne, einem richtigen College. Für den aberwitzigen Mietpreis von $113 pro Nacht haben wir dort eine Dreizimmerwohnung mit zwei Schlafzimmern und einem Wohnzimmer. Alle Fenster sind einfach verglast und lassen sich auch nur teilweise öffnen, was die Klimaregulierung erschwert. Der Oktober war doch recht frisch, und wenn es dann mal warme Tage gab, blieb die Wohnung doch weiterhin kalt. Immerhin ist das Wohnzimmer mit einem Gasofen ausgestattet, den wir dann schon mal angeschmissen haben. Ich bin gespannt, ob wir irgendwann auch die Klimaanlage nutzen werden.

Wie Harry Potter beim Frühstück
Frühstück ist inbegriffen. Jeden Morgen schlurfen wir rüber in den Frühstücksraum, in dem nie mehr als ein Dutzend Studenten bei Toast und Muesli sitzen. Immer sind jedoch vier freundliche Mitarbeiter am arbeiten. Dienstags laden sie mir reichlich Pancakes auf meinen Teller. (Die gibt es leider nur Dienstags.)

Wie gelingt es mir zu vermitteln, dass wir hier nicht im Urlaub sind? Den ganzen Oktober waren wir sehr fleißig und haben viel Zeit in unseren Büros an der University of Melbourne verbracht. Claudia sitzt im dritten Stock in einem Großraumbüro voller Doktoranden, ohne Tageslicht. Ich in einem Einzelbüro im fünften Stock des selben Gebäudes. Wenn ich zum Fenster schräg hinter meinem Rücken gehe, schaue ich nach Westen über den Hafen und die endlosen Vororte.

Aussicht aus meinem Büro

Im vierten Stockwerk treffen Claudia und ich uns regelmäßig. Dort steht eine italienische Espressomaschine, es gibt frische Bohnen und der Kühlschrank ist voller Frischmilch. Und das Beste: kostenlose Selbstbedienung! Nun heißt es Bohnen mahlen, das Kaffemehl im Siebträger stampfen, den Siebträger in den Bajonettverschluss einhängen und das Wasser mit neun Bar Druck durchjagen. Das ist einfach. Viel schwerer fällt mir das Aufschäumen der Milch mit der heißen Druckluft, um den perfekt-fluffigen Milchschaum zu erzeugen. Heute hat das ziemlich gut geklappt, aber ich habe ja noch ein paar Wochen zum üben.

Ich habe den Dreh raus!

Dienstag, 29. Oktober 2013

Wildes Leben

Dieses Wochenende wurde es noch etwas wilder als am vorigen. Nicht dass unser Alltag hier besonders wild wäre - zumindest habe ich es noch nicht für nötig befunden, an dieser Stelle darüber zu berichten. Die Wildnis suchen wir am Wochenende.

Unser Ziel ist der Wilsons Promontory National Park. Die Bezeichnung Promontory bezieht sich dabei auf den südlichsten Zipfel Australiens, auf welchem der Park liegt (hier auf der Karte). Es ist einer der ältesten Australiens, gegründet im späten neunzehnten Jahrhundert und somit lange bevor die Nationalparkidee in Europa überhaupt aufkam.

Angepasst wie wir sind, miete ich uns wieder ein Auto. Wir bekommen ein Upgrade, das sich noch als nützlich erweisen wird: ein leichter Geländewagen. Eilig leihen wir uns von einer Kollegin noch Schlafsäcke und ein Zelt. Und dann geht es los, raus aus Melbourne und über den Motorway runter ans Meer. Als wir am Park ankommen, ist es bereits stockdunkel. 35 Kilometer geht es nun auf der Straße in den Park hinein, bis wir zum Zeltplatz am Tidal River kommen. Und diese Strecke hat es in sich. Claudia muss sich die ganze Zeit am Armaturenbrett festhalten und ich umkrampfe das Steuer: ständig müssen wir damit rechnen, dass uns ein Känguruh, ein Wallaby oder ein Wombat vor den Wagen rennt. Vor allem Wombats sind zahlreich vertreten und so tief mit ihrer Schnauze im Gras, dass sie sich durch nichts stören lassen.

Auch das Wetter ist wild. Mitnichten scheint hier bei uns nur die Sonne, die letzten zwei Wochen hat es eigentlich nur geregnet. Immer wieder gibt es heftige Schauer, die aber sehr schnell wieder abtrocknen. Wenn die Sonne dann tatsächlich mal raus schaut, lässt sie die Muskeln spielen. Immerhin liegt Melbourne am 37. Breitengrad, und die Nähe zum Äquator ist kurz spürbar. Wildes Wetter ist auch heute Nacht angesagt, zumal einige Winde über die exponierte Halbinsel hinweg ziehen. Endlich auf dem Zeltplatz angekommen suchen wir uns ein lauschiges Plätzchen. Wir nutzen sogleich die Vorzüge des Geländewagens, klappen einfach die Rückbank um und breiten die Schlafsäcke aus.

Wildlife
Unser eigentliches Ziel ist neben langen Wanderungen über die Insel jedoch wildes Leben, also Wildlife, zu sehen. So bekommen wir den Tipp, zur Abenddämmerung auf eine weite Lichtung zu gehen, die fire rescue site. Dort trifft man wohl mit Sicherheit Kängurus und Konsorten. Und wir werden belohnt mit eindrücklichen Erlebnissen und einer reichen Fotoausbeute.

Wallaby - das "kleine Känguru"
Heiß auf Känguruhs, treffen wir zunächst nur auf das Wallaby. Es sieht auch aus wie ein Känguru und gehört auch der biologischen Familie an, ist aber kleiner. Genauso verfügt es über einen Beutel, in welchem das Neugeborene heranwächst. Ein geborenes Jungtier ist dabei winzig und wiegt nur etwa ein Gramm. Ich taste mich mit meiner Kamera heran, und erst als ich etwa fünf Meter an dem Wallaby dran bin schaut es mich an.

Wombatjunges mit Wombatmama oder -papa
Auf der besagten Lichtung wimmelt es dann richtig. Zunächst können wir einen Wombat aus der Nähe bestaunen, um den sogar ein Junges herumhüpft. Letzte Nacht auf der Straße haben wir ja schon Bekanntschaft mit ihnen gemacht, aber so aus der Nähe sehen sie noch viel niedlicher aus. Auch wenn wir böse Geschichten hören, in denen sie nachts Zeltplanen durchnagen um an Nahrung zu kommen. Der Wombat gehört, wie die Koalas auch, zu den Beutelsäugern! Das ausgewachsene Wombat kennt keine Furcht vor Menschen, wohingegen das kleine immer wieder in die Büsche hüpft um dann, wenn die Mutter sich nicht rührt, wieder raus kommt. Im Nationalpark haben sich die wilden Tiere die Furcht vor Menschen offensichtlich abgewöhnt.

Darauf habt ihr gewartet: Das Känguru
Weiter hinten auf der Lichtung steht eine Gruppe Kängurus. So wie bei uns die Kühe. Man kann einfach hingehen und sie fotografieren, sie hüpfen gar nicht weg. Und sie sind beachtlich groß, wenn sie sich aufrichten überragen sie uns fast. Wenn sie sich langsam fortbewegen, benutzen sie die hinteren beziehungsweise vorderen Gliedmaßen gleichzeitig, so dass es an das Hoppeln von Hasen erinnert.

Emus
Hinter der Lichtung bahnt sich ein Weg durch das Gebüsch, und dahinter ist erst recht was los. Dutzende Kängurus stehen dort im niedrigen Gras, und wir sehen auch noch das Emu! Am nächsten Morgen an dieser Stelle kann ich auch sie fotografieren. Und auch bunte Tiere bevölkern die Landschaft, aber dafür ist mein Fotoequipment nun wirklich nicht ausgelegt. Nur auf dem Zeltplatz erwische ich einen Sittich.

Pennantsittich
Ich bin absolut begeistert von diesem Nationalpark. Nicht nur von der aufgeführten Fauna, auch von den Pflanzen und Wäldern, die an den trockenen Nordhängen von Eukalyptus geprägt sind und sich auf den freuchten Südseiten in Regenwälder verwandeln. Natürlich gibt es endlose Streitereien darüber, was "naturbelassen" nun bedeutet. So sind hier zwar Wildtiere anzutreffen, die sich aber alles andere als wild verhalten und jegliche natürliche Scheu verloren haben. Weiterhin werden hier Wälder kontrolliert abgefackelt, um ein natürlich ausgeglichenes Verhältnis von Pflanzen herzustellen, und da einige Bäume zur Verteilung ihrer Samen tatsächlich auf Feuer angewiesen sind.

Ich freue mich auf den Nordschwarzwald!

Montag, 21. Oktober 2013

Hinterm Lenkrad auf der Great Ocean Road

Wochenende mit Urlaubsstimmung, soweit sind wir uns einig. Aber mit dem Auto? Nur widerwillig kann ich mich mit dem Gedanken anfreunden, das Autofahren in den Mittelpunkt zu stellen und am Steuer Erholung zu suchen. Eine Tourismusstraße an einem Frühlingswochenende versuche ich zu meiden wo es nur geht. Die Great Ocean Road ist so eine Straße, von Soldaten nach dem ersten Weltkrieg als Arbeitsbeschaffungs- und Tourismusförderungsmaßnahme gebaut.

Für eine Radtour ist sie zu lang, besser gesagt das Wochenende zu kurz. Andererseits ist auch die Vorstellung von einem vollgestopften Reisebus mit zehnminütigen Pflichtstopps an allen Sehenswürdigkeiten nicht berauschend. Und es muss ja auch nicht gerade ein Fiat Uno sein. Wie wäre es mit einem australischen Fabrikat? Großvolumiger V6-Motor? Ein Holden ist zwar nicht vorrätig, aber der Ford Falcon verfügt auch über eine schöne 4-Liter-Maschine.

Perfektes Outfit


Also los geht's zum automobilen Abenteuer. Wir nehmen den Zug nach Geelong und holen den Wagen ab, der hier in den Ford-Werken gebaut wurde. Dann machen wir uns auf den Weg zum Pazifischen Ozean. Die Straße ist voll von Wochenendausflüglern, viele haben Surfbretter dabei. So zieht es sich bis zur Apollo Bay, wo die Wellen offenbar besonders gut zum Surfen geeignet sind - zumindest verlassen die Surfer hier alle die Straße und widmen sich Neopren, Brett und Salzwasser.

Ab hier windet sich die Straße, so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, am Meer entlang, und von jedem creek zum nächsten kleinen Pass hinauf. Das Wetter meint es gut mit uns. Nicht dass hier Mißverständnisse entstehen: so wie auf den Bildern sieht es nicht immer aus! Die ganze letzte Woche hat es geregnet, und am Montag zurück in Melbourne wird es auch wieder 10 Grad kälter sein. Zusehends sind nun weniger Autos unterwegs, so dass ich mich etwas entspannen kann.

Unsere Route auf der Great Ocean Road
Unser Tagesziel ist das Cape Otway mit seinem weiß leuchtenden Turm. Die Südspitze Victorias war das erste Land, das von England kommende Schiffe im neunzehnten Jahrhundert nach monatelanger Fahrt von Australien zu sehen bekamen. Tatsächlich verläuft der direkteste Weg entlang Antarktika, wobei die Reisedauer davon abhängt, wie dicht der Kapitän sein Schiff am Packeis vorbei manövriert. Für viele Seefahrer und Schiffreisende war das Cape Otway wohl auch das letzte, was sie zu Gesicht bekamen; die Durchfahrt zum rettenden Hafen von Melbourne ist flach und gespickt mit Riffen. Um die zweihundert Schiffwracks liegen vor der Küste.

Cape Otway Lighthouse
Auf dem Weg vom Leuchtturm zurück zur Great Ocean Road lobt Claudia meinen ausgeglichenen Fahrstil; mit fünfzig Stundenkilometern pendeln wir dahin. Dann sehe ich das erste Känguruh. Allerdings nur für den Bruchteil einer Sekunde von rechts, kurz darauf prallt es gegen den Kühlergrill. Ich habe wirklich ein Känguruh umgefahren! Wir springen aus dem Wagen, aber außer einem verbeulten Nummernschild ist nichts zu sehen. Im Gebüsch links der Straße bewegt sich etwas, entfernt sich aber. Wir sind geschockt. Überall hängen Schilder rum mit der Hotline für injured wildlife, nur hier gerade nicht. Also zurück zum Leuchtturm. Nachdem die Dame uns mehrfach versichert, dass dem Känguruh mit Sicherheit nichts passiert sei, so lange das Auto nicht einmal Schaden genommen hat, beruhigen wir uns wieder.

Der Cape Otway National Park zwischen Soldatenstraße und Seefahrerfriedhof bietet noch mehr. Mehr Känguruhs sichten wir allerdings nicht mehr. Dafür müssen wir nicht lange suchen, bis wir sie an den Bäumen hängen sehen, die Meister der Faulheit.

Koala in Höchstform
Überall in den Eukalyptusbäumen sitzen Koalas. Die meisten halten ihr Mittagsschläfchen, manche sind auch mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Einige hängen so tief, dass man richtige Bilderbuchmotive fotografieren kann.

Am nächsten Morgen fahren wir gleich rüber zum Highlight der Great Ocean Road, den 12 Apostles. Warum sie Apostel genannt werden, weiß niemand so genau, und zwölf sind es nicht. Und es waren nie zwölf, auch wenn ab und zu einer im Meer versinkt und sich irgendwann ein neuer herausbildet. Hinter der Namensgebung vermute ich tourismusfördernden Aktionismus. Früher wurden sie The Sow and the Pigs genannt.

Apostel
Am spannendsten ist für mich jedoch, die Urgewalt des Meeres zu spüren. Hunderte von Metern unterspült und durchfräst es die Steilküste. Spült weiches Gestein schneller heraus und lässt harte Bereiche länger frei stehen, die dann für einige Jahrzehnte als Apostel Besucher anlocken. Weit im Hinterland öffnen sich Löcher im Boden, aus denen hochbrandende Wellen hochschlagen und Gischt versprühen.

Pazifische Urgewalt

Nach stundenlangem zuschauen wird es Zeit für die Rückfahrt. Wir machen noch einen Abstecher in den Regenwald. Im Hinterland sind die Straßen wie leer gefegt und meine Skepsis bezüglich des Autofahrens langsam zerstreut. An und für sich ist das Fahren ziemlich entspannt.

Montag, 14. Oktober 2013

Nach Melbourne

Was bringt der neue Tag bei den Antipoden?
Der Flug hatte es getreu unseren Erwartungen in sich. Bis Bangkok allerhöchstens ein paar Minuten geschlafen im pinken Thai-A380, sind wir dann im Anschlussflug doch noch weggedämmert. Bald werden wir dann vom neuen Samstagmorgen begrüßt. Dann lösen sich auch die Wolken langsam auf, und unter uns liegt die rote Erde. Trockene Erde, Strukturen von Flussbetten, Wüste.

Viel Platz für Fußgänger, Trams, Fahrräder - und Autos: Melbourne CBD


Ein Taxifahrer bringt uns zum Hotel und will unbedingt über unsere Forschung reden. Wir eher nicht. Nach einer Tiefschlafnacht kommen wir langsam zu Bewusstsein. Draußen im Park sind Horden von Joggern unterwegs, der Himmel verspricht feinstes Aprilwetter. Wir halten gut durch und streifen den ganzen Sonntag durch Melbournes Central Business District (CBD). Wir ahnen, dass Kulinarik hier groß geschrieben wird, und der Anblick der vielen Radfahrer und bike lanes weckt Sehnsüchte.

Die Nächte sind noch etwas unruhig


Die nächsten Nächte sind noch ziemlich unruhig, ich schlafe Donnerstag erstmals durch. Aber das ist für uns natürlich kein Grund, es langsam anzugehen: Das Hafenviertel, das kamboschanische Restaurant, das Claypots-Fischrestaurant, die Kletterhalle und einige Fahrradläden wollen ausgekundschaftet werden.

Möwen starren Menschen an (sieht man am Strand alle 5 Meter)


Und auch zum Strand treibt es uns. Auch wenn die Luft manchmal schon an Baden denken lässt, das Wasser tut es eher noch nicht. Ich tippe auf antarktische Strömungen. Das Wetter lässt auch sehr an den deutschen April erinnern. Oft liegt die Temperatur bei 15 Grad, es gibt viele Schauer - aber wenn die Sonne raus kommt, gibt es schon eine kleine Kräftedemonstration.

Probefahrt! Endlich wieder ein Rad


Und dann kommt es wie es kommen musste. Nach den ersten Erkundigungen war klar, dass eine Fahrradmiete für zwei oder drei Monate teurer wird als ein Fahrradkauf. Einen Gebrauchtmarkt gibt es nicht wirklich. Daher sind wir am Samstag zum Werkverkauf des australischen Herstellers Reid Cycles und haben zugegriffen. Unsere Wahl fiel auf ein Eingangrad!

In meinen Augen der beste Kompromiss unter diesen ganzen Billigrädern: Für den Preis von 350$ ist die Ausstattung ganz in Ordnung, da man sich die komplette Schaltung spart. Alle auffälligen Farben waren verfügbar - dann lassen wir es mal knallen:

Wir können halt nicht ohne
So können wir uns sehen lassen! Wir wurden schon fünf mal auf unsere Räder angesprochen, wie ist es so mit einem Gang, sind das custom bikes, etc. Für die Stadt perfekt, wir sind gespannt wo sie uns noch hin tragen werden.