Dienstag, 29. Oktober 2013

Wildes Leben

Dieses Wochenende wurde es noch etwas wilder als am vorigen. Nicht dass unser Alltag hier besonders wild wäre - zumindest habe ich es noch nicht für nötig befunden, an dieser Stelle darüber zu berichten. Die Wildnis suchen wir am Wochenende.

Unser Ziel ist der Wilsons Promontory National Park. Die Bezeichnung Promontory bezieht sich dabei auf den südlichsten Zipfel Australiens, auf welchem der Park liegt (hier auf der Karte). Es ist einer der ältesten Australiens, gegründet im späten neunzehnten Jahrhundert und somit lange bevor die Nationalparkidee in Europa überhaupt aufkam.

Angepasst wie wir sind, miete ich uns wieder ein Auto. Wir bekommen ein Upgrade, das sich noch als nützlich erweisen wird: ein leichter Geländewagen. Eilig leihen wir uns von einer Kollegin noch Schlafsäcke und ein Zelt. Und dann geht es los, raus aus Melbourne und über den Motorway runter ans Meer. Als wir am Park ankommen, ist es bereits stockdunkel. 35 Kilometer geht es nun auf der Straße in den Park hinein, bis wir zum Zeltplatz am Tidal River kommen. Und diese Strecke hat es in sich. Claudia muss sich die ganze Zeit am Armaturenbrett festhalten und ich umkrampfe das Steuer: ständig müssen wir damit rechnen, dass uns ein Känguruh, ein Wallaby oder ein Wombat vor den Wagen rennt. Vor allem Wombats sind zahlreich vertreten und so tief mit ihrer Schnauze im Gras, dass sie sich durch nichts stören lassen.

Auch das Wetter ist wild. Mitnichten scheint hier bei uns nur die Sonne, die letzten zwei Wochen hat es eigentlich nur geregnet. Immer wieder gibt es heftige Schauer, die aber sehr schnell wieder abtrocknen. Wenn die Sonne dann tatsächlich mal raus schaut, lässt sie die Muskeln spielen. Immerhin liegt Melbourne am 37. Breitengrad, und die Nähe zum Äquator ist kurz spürbar. Wildes Wetter ist auch heute Nacht angesagt, zumal einige Winde über die exponierte Halbinsel hinweg ziehen. Endlich auf dem Zeltplatz angekommen suchen wir uns ein lauschiges Plätzchen. Wir nutzen sogleich die Vorzüge des Geländewagens, klappen einfach die Rückbank um und breiten die Schlafsäcke aus.

Wildlife
Unser eigentliches Ziel ist neben langen Wanderungen über die Insel jedoch wildes Leben, also Wildlife, zu sehen. So bekommen wir den Tipp, zur Abenddämmerung auf eine weite Lichtung zu gehen, die fire rescue site. Dort trifft man wohl mit Sicherheit Kängurus und Konsorten. Und wir werden belohnt mit eindrücklichen Erlebnissen und einer reichen Fotoausbeute.

Wallaby - das "kleine Känguru"
Heiß auf Känguruhs, treffen wir zunächst nur auf das Wallaby. Es sieht auch aus wie ein Känguru und gehört auch der biologischen Familie an, ist aber kleiner. Genauso verfügt es über einen Beutel, in welchem das Neugeborene heranwächst. Ein geborenes Jungtier ist dabei winzig und wiegt nur etwa ein Gramm. Ich taste mich mit meiner Kamera heran, und erst als ich etwa fünf Meter an dem Wallaby dran bin schaut es mich an.

Wombatjunges mit Wombatmama oder -papa
Auf der besagten Lichtung wimmelt es dann richtig. Zunächst können wir einen Wombat aus der Nähe bestaunen, um den sogar ein Junges herumhüpft. Letzte Nacht auf der Straße haben wir ja schon Bekanntschaft mit ihnen gemacht, aber so aus der Nähe sehen sie noch viel niedlicher aus. Auch wenn wir böse Geschichten hören, in denen sie nachts Zeltplanen durchnagen um an Nahrung zu kommen. Der Wombat gehört, wie die Koalas auch, zu den Beutelsäugern! Das ausgewachsene Wombat kennt keine Furcht vor Menschen, wohingegen das kleine immer wieder in die Büsche hüpft um dann, wenn die Mutter sich nicht rührt, wieder raus kommt. Im Nationalpark haben sich die wilden Tiere die Furcht vor Menschen offensichtlich abgewöhnt.

Darauf habt ihr gewartet: Das Känguru
Weiter hinten auf der Lichtung steht eine Gruppe Kängurus. So wie bei uns die Kühe. Man kann einfach hingehen und sie fotografieren, sie hüpfen gar nicht weg. Und sie sind beachtlich groß, wenn sie sich aufrichten überragen sie uns fast. Wenn sie sich langsam fortbewegen, benutzen sie die hinteren beziehungsweise vorderen Gliedmaßen gleichzeitig, so dass es an das Hoppeln von Hasen erinnert.

Emus
Hinter der Lichtung bahnt sich ein Weg durch das Gebüsch, und dahinter ist erst recht was los. Dutzende Kängurus stehen dort im niedrigen Gras, und wir sehen auch noch das Emu! Am nächsten Morgen an dieser Stelle kann ich auch sie fotografieren. Und auch bunte Tiere bevölkern die Landschaft, aber dafür ist mein Fotoequipment nun wirklich nicht ausgelegt. Nur auf dem Zeltplatz erwische ich einen Sittich.

Pennantsittich
Ich bin absolut begeistert von diesem Nationalpark. Nicht nur von der aufgeführten Fauna, auch von den Pflanzen und Wäldern, die an den trockenen Nordhängen von Eukalyptus geprägt sind und sich auf den freuchten Südseiten in Regenwälder verwandeln. Natürlich gibt es endlose Streitereien darüber, was "naturbelassen" nun bedeutet. So sind hier zwar Wildtiere anzutreffen, die sich aber alles andere als wild verhalten und jegliche natürliche Scheu verloren haben. Weiterhin werden hier Wälder kontrolliert abgefackelt, um ein natürlich ausgeglichenes Verhältnis von Pflanzen herzustellen, und da einige Bäume zur Verteilung ihrer Samen tatsächlich auf Feuer angewiesen sind.

Ich freue mich auf den Nordschwarzwald!

Montag, 21. Oktober 2013

Hinterm Lenkrad auf der Great Ocean Road

Wochenende mit Urlaubsstimmung, soweit sind wir uns einig. Aber mit dem Auto? Nur widerwillig kann ich mich mit dem Gedanken anfreunden, das Autofahren in den Mittelpunkt zu stellen und am Steuer Erholung zu suchen. Eine Tourismusstraße an einem Frühlingswochenende versuche ich zu meiden wo es nur geht. Die Great Ocean Road ist so eine Straße, von Soldaten nach dem ersten Weltkrieg als Arbeitsbeschaffungs- und Tourismusförderungsmaßnahme gebaut.

Für eine Radtour ist sie zu lang, besser gesagt das Wochenende zu kurz. Andererseits ist auch die Vorstellung von einem vollgestopften Reisebus mit zehnminütigen Pflichtstopps an allen Sehenswürdigkeiten nicht berauschend. Und es muss ja auch nicht gerade ein Fiat Uno sein. Wie wäre es mit einem australischen Fabrikat? Großvolumiger V6-Motor? Ein Holden ist zwar nicht vorrätig, aber der Ford Falcon verfügt auch über eine schöne 4-Liter-Maschine.

Perfektes Outfit


Also los geht's zum automobilen Abenteuer. Wir nehmen den Zug nach Geelong und holen den Wagen ab, der hier in den Ford-Werken gebaut wurde. Dann machen wir uns auf den Weg zum Pazifischen Ozean. Die Straße ist voll von Wochenendausflüglern, viele haben Surfbretter dabei. So zieht es sich bis zur Apollo Bay, wo die Wellen offenbar besonders gut zum Surfen geeignet sind - zumindest verlassen die Surfer hier alle die Straße und widmen sich Neopren, Brett und Salzwasser.

Ab hier windet sich die Straße, so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, am Meer entlang, und von jedem creek zum nächsten kleinen Pass hinauf. Das Wetter meint es gut mit uns. Nicht dass hier Mißverständnisse entstehen: so wie auf den Bildern sieht es nicht immer aus! Die ganze letzte Woche hat es geregnet, und am Montag zurück in Melbourne wird es auch wieder 10 Grad kälter sein. Zusehends sind nun weniger Autos unterwegs, so dass ich mich etwas entspannen kann.

Unsere Route auf der Great Ocean Road
Unser Tagesziel ist das Cape Otway mit seinem weiß leuchtenden Turm. Die Südspitze Victorias war das erste Land, das von England kommende Schiffe im neunzehnten Jahrhundert nach monatelanger Fahrt von Australien zu sehen bekamen. Tatsächlich verläuft der direkteste Weg entlang Antarktika, wobei die Reisedauer davon abhängt, wie dicht der Kapitän sein Schiff am Packeis vorbei manövriert. Für viele Seefahrer und Schiffreisende war das Cape Otway wohl auch das letzte, was sie zu Gesicht bekamen; die Durchfahrt zum rettenden Hafen von Melbourne ist flach und gespickt mit Riffen. Um die zweihundert Schiffwracks liegen vor der Küste.

Cape Otway Lighthouse
Auf dem Weg vom Leuchtturm zurück zur Great Ocean Road lobt Claudia meinen ausgeglichenen Fahrstil; mit fünfzig Stundenkilometern pendeln wir dahin. Dann sehe ich das erste Känguruh. Allerdings nur für den Bruchteil einer Sekunde von rechts, kurz darauf prallt es gegen den Kühlergrill. Ich habe wirklich ein Känguruh umgefahren! Wir springen aus dem Wagen, aber außer einem verbeulten Nummernschild ist nichts zu sehen. Im Gebüsch links der Straße bewegt sich etwas, entfernt sich aber. Wir sind geschockt. Überall hängen Schilder rum mit der Hotline für injured wildlife, nur hier gerade nicht. Also zurück zum Leuchtturm. Nachdem die Dame uns mehrfach versichert, dass dem Känguruh mit Sicherheit nichts passiert sei, so lange das Auto nicht einmal Schaden genommen hat, beruhigen wir uns wieder.

Der Cape Otway National Park zwischen Soldatenstraße und Seefahrerfriedhof bietet noch mehr. Mehr Känguruhs sichten wir allerdings nicht mehr. Dafür müssen wir nicht lange suchen, bis wir sie an den Bäumen hängen sehen, die Meister der Faulheit.

Koala in Höchstform
Überall in den Eukalyptusbäumen sitzen Koalas. Die meisten halten ihr Mittagsschläfchen, manche sind auch mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Einige hängen so tief, dass man richtige Bilderbuchmotive fotografieren kann.

Am nächsten Morgen fahren wir gleich rüber zum Highlight der Great Ocean Road, den 12 Apostles. Warum sie Apostel genannt werden, weiß niemand so genau, und zwölf sind es nicht. Und es waren nie zwölf, auch wenn ab und zu einer im Meer versinkt und sich irgendwann ein neuer herausbildet. Hinter der Namensgebung vermute ich tourismusfördernden Aktionismus. Früher wurden sie The Sow and the Pigs genannt.

Apostel
Am spannendsten ist für mich jedoch, die Urgewalt des Meeres zu spüren. Hunderte von Metern unterspült und durchfräst es die Steilküste. Spült weiches Gestein schneller heraus und lässt harte Bereiche länger frei stehen, die dann für einige Jahrzehnte als Apostel Besucher anlocken. Weit im Hinterland öffnen sich Löcher im Boden, aus denen hochbrandende Wellen hochschlagen und Gischt versprühen.

Pazifische Urgewalt

Nach stundenlangem zuschauen wird es Zeit für die Rückfahrt. Wir machen noch einen Abstecher in den Regenwald. Im Hinterland sind die Straßen wie leer gefegt und meine Skepsis bezüglich des Autofahrens langsam zerstreut. An und für sich ist das Fahren ziemlich entspannt.

Montag, 14. Oktober 2013

Nach Melbourne

Was bringt der neue Tag bei den Antipoden?
Der Flug hatte es getreu unseren Erwartungen in sich. Bis Bangkok allerhöchstens ein paar Minuten geschlafen im pinken Thai-A380, sind wir dann im Anschlussflug doch noch weggedämmert. Bald werden wir dann vom neuen Samstagmorgen begrüßt. Dann lösen sich auch die Wolken langsam auf, und unter uns liegt die rote Erde. Trockene Erde, Strukturen von Flussbetten, Wüste.

Viel Platz für Fußgänger, Trams, Fahrräder - und Autos: Melbourne CBD


Ein Taxifahrer bringt uns zum Hotel und will unbedingt über unsere Forschung reden. Wir eher nicht. Nach einer Tiefschlafnacht kommen wir langsam zu Bewusstsein. Draußen im Park sind Horden von Joggern unterwegs, der Himmel verspricht feinstes Aprilwetter. Wir halten gut durch und streifen den ganzen Sonntag durch Melbournes Central Business District (CBD). Wir ahnen, dass Kulinarik hier groß geschrieben wird, und der Anblick der vielen Radfahrer und bike lanes weckt Sehnsüchte.

Die Nächte sind noch etwas unruhig


Die nächsten Nächte sind noch ziemlich unruhig, ich schlafe Donnerstag erstmals durch. Aber das ist für uns natürlich kein Grund, es langsam anzugehen: Das Hafenviertel, das kamboschanische Restaurant, das Claypots-Fischrestaurant, die Kletterhalle und einige Fahrradläden wollen ausgekundschaftet werden.

Möwen starren Menschen an (sieht man am Strand alle 5 Meter)


Und auch zum Strand treibt es uns. Auch wenn die Luft manchmal schon an Baden denken lässt, das Wasser tut es eher noch nicht. Ich tippe auf antarktische Strömungen. Das Wetter lässt auch sehr an den deutschen April erinnern. Oft liegt die Temperatur bei 15 Grad, es gibt viele Schauer - aber wenn die Sonne raus kommt, gibt es schon eine kleine Kräftedemonstration.

Probefahrt! Endlich wieder ein Rad


Und dann kommt es wie es kommen musste. Nach den ersten Erkundigungen war klar, dass eine Fahrradmiete für zwei oder drei Monate teurer wird als ein Fahrradkauf. Einen Gebrauchtmarkt gibt es nicht wirklich. Daher sind wir am Samstag zum Werkverkauf des australischen Herstellers Reid Cycles und haben zugegriffen. Unsere Wahl fiel auf ein Eingangrad!

In meinen Augen der beste Kompromiss unter diesen ganzen Billigrädern: Für den Preis von 350$ ist die Ausstattung ganz in Ordnung, da man sich die komplette Schaltung spart. Alle auffälligen Farben waren verfügbar - dann lassen wir es mal knallen:

Wir können halt nicht ohne
So können wir uns sehen lassen! Wir wurden schon fünf mal auf unsere Räder angesprochen, wie ist es so mit einem Gang, sind das custom bikes, etc. Für die Stadt perfekt, wir sind gespannt wo sie uns noch hin tragen werden.