Samstag, 30. November 2013

Die Welt der Grampians

Das leise Tröpfeln des Nieselregens lässt nach, durch die Zeltplane zeichnet sich das erste Tageslicht ab. Ich öffne die Augen. Mein Sichtfeld ist durch meinen neuen Daunenschlafsack eingeschränkt, der wie eine fluffige Wolke um mich herum wabert. Ich öffne die Wolke mit dem Reißverschluss, ziehe warme Klamotten an, und schiebe mich durch die Zeltöffnung ins Freie. Die Lichtung, auf der der Zeltplatz angelegt ist, leuchtet vor nassem grünen Gras, das von einem guten Dutzend Kängurus genagt wird. Sie beachten mich nicht einmal, wie ich zwischen ihnen durch den Nieselnebel zum Klohäuschen schreite.

Heute zum Frühstück: In Milch gekochte Haferflocken mit Nüssen, Früchten und etwas Schokolade
Victoria erfährt in diesem Frühling enorme Regenmengen. Viele Australier versichern mir, dass sie ihr Land noch nie so grün gesehen haben. So sind auch die Grampians von sattem Grün überzogen, dieses hundert Kilometer lange Sandsteingebirge, das in Nord-Süd-Richtung von Schluchten durchzogen wird. Es wirkt an diesem Frühlingswochenende wie eine Wetterscheide. Die Süd- und Zentralgrampians versinken im Regen, halten die Wolken aber auch vom Weiterziehen ab. Der Norden ist weitgehend trocken.

Wir sind auf dem Weg zum Sentinel, dem Wächter, einer Höhle in einer Felswand. Der Zustieg erfolgt entlang eines Bächleins, das immer schmaler wird und schließlich in Pfützen in einer Schlucht endet. Diese Felsspalte geht es hinauf, um auf das Plateau unter der Höhle zu traversieren. Mit dem ersten Schritt auf diese Anhöhe verschiebt sich die Realität um ein paar Millimeter. Die Wand steigt immer stärker and und endet in einem Dach über unseren Köpfen. Die immer wieder auftretenden Schauer siegeln die Höhle von der Aussenwelt ab. Der Blick hinaus verläuft durch einen Schleier über die nördlichen Gipfel der Grampians in die weiten Ebenen bis hinüber zum Mount Arapiles. Die Höhle leuchtet rot und orange, aber die umgebenden Felsen sind granitgrau. Es wirkt, als habe jemand diese Höhle in die Wand gegraben, um eine Aussichtsplattform oder einen Wachtturm zu schaffen.

Tom springt zum Ziel
Die Pioniere unter uns packen die Ausrüstung aus, sortieren Seile und klinken die ersten Karabiner ein. Im Überhang gilt es, das Ende des Daches zu erreichen. Die Kletterer müssen alles geben, um gegen die Schwerkraft zu bestehen und sich im orangerot des Quarzits festzukrallen. Für mich ist das leider noch Träumerei. Im August habe ich erstmals Kletterluft geschnuppert, und der Weg ist steinig. Im Überhang zu klettern ist nicht nur besonders kraftaufwändig; die Routen sind hier technisch so ansruchsvoll, dass ich keine Chance habe. Im Eingangsbereich der Höhle liegen zwei Anfängerrouten, die einfach nur nach oben gehen. Sie sind nett zu klettern, versprühen aber nicht das Besondere wie die Routen durch das Dach. An der nächstschwereren Route im Überhang scheitere ich. Das nagt etwas an mir, macht mich aber nicht unzufrieden. Die Stimmung in der Gruppe ist gemeinschaftlich, und jeder wird beim Verfolgen des eigenen Ziels angefeuert. Jeder kann an diesem Tag persönliche Erfolge verbuchen.

Gegen Abend wird es trocken, und vor Einbruch der Dunkelheit treten wir aus der Höhle. Bevor das Tageslicht entschwindet, bemerken wir für einen Moment die Außenwelt. Als sich das Schwarz ausbreitet, hat uns die Sagenwelt der Grampians wieder eingesogen. Auf dem Weg zu den geparkten Autos finden wir eine Lichtung, auf der wir unsere sechs Zelte aufstellen. Im großen Kreis werden Kocher aufgestellt und Nahrungskisten aufgemacht, und in der Mitte ein Feuer entzündet. Vor dem Einschlafen höre ich, wie jede Menge Getier um unser Lager schleicht. Scheue Tiere, die sich - ungleich der Kängurus - nicht blicken lassen und im Schutz der Dunkelheit unsere Anwesenheit prüfen.

Schwarz und Grün
Der nächste Morgen verspricht Sonne und Trockenheit. Das Studieren von Büchern und Karten gibt uns den Weg zum Weirs Creek vor. Die Straße dorthin wird immer schlechter und ist an einer Weggabelung halb versperrt. Unsere drei Autos rumpeln hindurch. Als wir nicht mehr weit vom Ziel entfernt sind, muss ein erster, dann ein zweiter Wagen zurückgelassen werden und deren Insassen zu Fuß voran schreiten. Der dritte schafft es noch durch eine kleine Furt, dann müssen auch dessen Mitfahrer aussteigen. Die Straße versandet daraufhin und hört einfach auf. Die Wand haben wir schon im Auge, so kämpfen wir uns querfeldein durch den Wald. Dieser besteht aus schwarzen, verbrannten Baumstämmen, die schon an jeder erdenklichen Stelle wieder ergrünen. Um uns herum besteht ein nie gesehener Schwarz-Grün-Kontrast, der wohl nicht besser den Gegensatz von Tod und Leben symbolisieren könnte.

Der Boden ist von Sand überschwemmt, und mit jedem Schritt sinken wir ein. Obwohl wir die Wand schon sehen können, ist es noch ein beschwerlicher Weg dorthin. Besonders der Anstieg lässt die Zeit zäh wie Honig vergehen, bis wir alle oben sind. Der Anblick nimmt uns wieder den Atem: Die Wand ist voller Waben und tiefer Taschen, gelocht wie ein Schweizer Käse. Blicken wir zurück in die Ebene, sehen wir eine postapokalyptische Landschaft von versengten Baumstämmen, deren fehlende Kronen nichts verbergen. Wie schon gestern fühlen wir uns am Übergang zweiter Welten, zwischen Stein und Außenwelt.

Tim in der Lochwand


Die Kletterwand ist umgarnt von schwarzen Baumstämmen, aber der Fels steht da wie eh und je. Die Route hier ist das schönste, was ich jemals geklettert bin. Zunächst geht es im leichten Überhang schräg nach oben. Die Waben bieten perfekten Halt - manche nur für einzelne Finger, andere sind so groß dass ich den ganzen Fuß hineinstellen kann. Nach gut zehn Metern verändert sich die Route, als käme ich auf die Außenseite des Berges. Es ist weniger steil, und die Löcher verschwinden. Nun hangele ich mich an kleinen Rissen und herausragenden Griffen nach oben. Die Route ist 25 Meter lang, eine richtige Ausdauerleistung.

Das Erlebnis lässt uns nur schwer los. Auf dem Rückweg zu den Autos zerfallen wir in kleine Gruppen, von denen sich zwei im Busch verlaufen. Als wir endlich wieder auf Asphalt sind, können wir unsere Eindrücke kaum in Worte fassen. Stumm und doch wissend rollen wir durch die Ebenen, die von uralten und dicken Eukalyptusbäumen geprägt sind. Unsere Gespräche kreisen um die Natur und die Möglichkeit eines autarken Lebens hier auf dem Land. Einem Auto geht auf den langen Distanzen zwischen den Städtchen das Benzin aus und schafft es bangend bis zur einzigen Tankstelle. Die Natur hat uns noch fest im Griff.

Zwischen den Welten

Die Motivation der Australier, ihr eigenes Land zu erkunden, begeistert mich durch und durch. Die zahlreichen Nationalparks, in denen die Natur wirklich erlebbar ist. Die endlosen Weiten, die man in Victoria nur erahnen kann. Es gibt in diesem Land so unendlich viel zu entdecken, dass es für ein ganzes Leben reicht. Von diesem Erlebnis werden wir, ob Australier oder Besucher, noch lange zehren.

Donnerstag, 21. November 2013

Ein-Gang-Menü

In Australien gibt es keinen nennenswerten Personenverkehr mit der Eisenbahn. Drei transkontinentale Fernverkehrslinien werden hauptsächlich für den Tourismus betrieben. Darüber hinaus gibt es vereinzelte Städteverbindungen, die jedoch elend langsam sind. Für meinen geplanten Besuch in Brisbane habe ich die Option Bahn schnell verworfen: Für etwa 2.000 Kilometer nimmt sich die schnellste Verbindung 33 Stunden Zeit.

Dabei ist Railway kein Fremdwort in Australien. Der Güterverkehr spielt auch heute eine herausragende Rolle, ganz besonders im fernen Nordwesten, wo sich kilometerlange Kohlegüterzüge zu den Häfen schlängeln. Zur Überbrückung der langen Strecken wurde im 19. Jahrhundert stark in die Eisenbahn investiert. Problematisch war hierbei, dass Australien noch nicht vereinigt war, und die Bahngesellschaften der einzelnen Kolonien jeweils eigene Spurweiten verlegten. So konnten praktisch keine grenzüberschreitenden Züge betrieben werden. Auch heute noch basiert das australische Eisenbahnnetz auf drei verschiedenen Spurweiten. Auf vielen Verbindungen muss man entweder umsteigen, oder der Zug wird aufwändig umgespurt.

Eisenbahnnetz in Victoria um 1947 (Quelle: Wikipedia)
Die Karte verdeutlicht, wie dicht das Schienennetz alleine in Victoria gestrickt war. Besonders die Goldfunde haben zur schnellen Expansion beigetragen. Als der Goldrausch vorüber war, zeigte sich vielerorts, wie wenig nachhaltig die vorschnellen Investitionen waren. Darüber hinaus hat auch hier der Siegeszug des Automobils dafür gesorgt, dass viele Strecken - auch Hauptstrecken - geschlossen wurden. Viele Nebenstrecken retteten sich noch über den zweiten Weltkrieg hinweg. Von den zahlreichen Strecken werden im Planverkehr nur noch vier betrieben, die sich wie ein X auf Melbourne zentrieren.

Die rote Markierung in der Karte zeigt zwei Nebenstrecken, die von der Relation Melbourne-Canberra-Sydney abzweigten. Als Beechwort durch Gold zu Reichtum gekommen war, sollte die Hauptstrecke hierdurch verlegt werden. Da die Stadt aber auf 600 Meter Höhe liegt, wurde die Strecke nördlich der Berge verlegt, und Beechworth wurde 1876 schließlich über eine Nebenstrecke erschlossen. Ein paar Jahre später wurde von dieser Strecke eine Abzweigung in den Südosten nach Bright verlegt. Hundert Jahre später wurden beide Nebenstrecken aufgegeben und die Gleise abgebaut.

Am Start in Wangaratta
Dann wurden die Bahnstrecken in vollständig geteerte Radwege umfunktioniert, in einen Rail Trail. Rail Trails zeichnen sich dadurch aus, dass die Steigung nie richtig steil wird, da sie auch immer für einen Zug zu bewältigen sein musste. Sie sind auch deshalb sehr beliebt, da die Wege frei von Autoverkehr sind. Das ideale Testgelände für unsere knallbunten Räder, die wegen ihrer fehlenden Gangschaltung nicht gerade gebirgstauglich erscheinen. Ab Wangaratta - bis dorthin trägt uns die Bahn aus Melbourne - rollen wir den Bergen entgegen. Die Strecke ist tatsächlich flach und verläuft zwischen Feldern und Eukalyptusbäumen.

Auch im 19. Jahrhundert konnten Dampfloks schon so manche Steigung überwinden, und das ganz ohne Zahnradunterstützung. Dies wird uns sehr bildhaft vermittelt, als wir uns im Anstieg nach Beechworth befinden, wo sich die Strecke teilt. Entlang eines Bergrückens zieht sie sich über 15 Kilometer lang nach oben und überbrückt auf diese Weise 400 Höhenmeter. Im Vergleich zu unseren Trainingsstrecken im Odenwald wird der Rail Trail nie richtig steil und pendelt sich bei stetigen drei Prozent Steigung ein. Aber im Gegensatz zu unseren Trainingsrunden haben wir hier keine Möglichkeit, einen Gang runter zu schalten.

Und so wird es härter. Aus dem hochfrequenten Kurbeln wird richtiges Treten, das ab und an ins Stocken gerät. Es wird nie richtig unangenehm, aber es ist doch eine harte Bergprüfung. Auf Dauer ist die Belastung für die Knie spürbar. Wie auch immer, eine halbe Stunde später sind wir oben und es ist halb zwölf: Essenszeit!

Die Goldgräberstadt Beechworth
Beechworth gilt als touristisches Juwel, dessen Stadtbild die Stimmung des Goldrausches originalgetreu wiedergibt. Wir fahren zielstrebig auf die Bäckerei zu, die vor lauter Besucher birst. Nach ein paar Wraps und Skones lernen wir, dass diese Bäckerei weit über die Stadtgrenzen berühmt ist. Da haben wir wohl alles richtig gemacht. Für eine kleine Stadttour ist noch Zeit. Wie schon an anderen Plätzen, finden wir auch hier die Telegraphenstation. Dort gibt es eine kleine Ausstellung zur ehemaligen Bahnstrecke und sogar ein Modell des Bahnhofs Beechworth.

Ich freue mich schon auf das Weiterfahren - zu lange war ich nicht mehr auf Radtour. Obwohl uns der Aufstieg etwas in den Knien steckt, rollen wir weiter. Die Belohnung folgt sogleich: Auf der Landstraße schießen wir den Berg hinunter, um alsbald wieder auf den Rail Trail zu gelangen, der nun gemächlich nach hin Bright ansteigt. Einigermaßen flott radeln wir weiter, auch wenn uns ein leichter Wind entgegenkommt.

Liegt Beechworth eigentlich nur auf einem Hügel, so zeigt sich hier, warum das Gebirge als High Mountains oder alpin bezeichnet wird. Südlich unserer Route zeichnet sich der Granitgigant Mount Buffalo ab - übrigens eine der drei großen Kletterdestinationen Victorias.

Mount Buffalo im Frühling
Immer gemächlicher ziehen wir uns die leichte Steigung hoch, bis wir nach hundert Kilometern unser Tagesziel erreichen. Bright ist ein Wintersportzentrum, das wir jetzt im australischen Frühling besuchen. So sind auch die Hotels vom Wintersport geprägt, und an jeder Ecke kann man Ski leihen. Im Sommer spricht die Gegend kulinarischen Tourismus an. Entlang des zweiten Teils der Strecke wird Wein angebaut, und die lokale Küche hat einen guten Ruf.

Natürlich haben wir schon wieder Hunger und suchen auch gleich das Restaurant Ginger Baker auf, in welchem sich heimische Küche mit Tapas verbindet. (Hier gibt es ein Foto.) Die kleine Hütte ist extrem gemütlich, aber im Winter ist es sicher zugig. Die Heizstrahler verraten aber auch hier das australische Konzept, nach dem einfach warm gemacht wird wenn Wärme nötig ist - Isolation spielt dabei keine Rolle. Nach ein paar Tapas und einem Ginger Pudding fallen wir auf der anderen Straßenseite ins Bett.

Am nächsten Morgen steht die Rückfahrt an, ohne den Abstecher über Beechworth: das sollte machbar sein! Im Prinzip geht es immer ganz leicht bergab. Der Vortag steckt uns jedoch in den Knochen. Häufig ist das Gefälle so flach, dass man es gar nicht bemerkt und richtig treten muss. Zudem hat der Wind gedreht und bläst uns aus dem Tal entgegen. Und viele kleine Gegenanstiege senken die Moral.

So spulen wir die Kilometer ab, ohne dass richtige Freude aufkommt. Eigentlich haben wir ja gestern schon alles entlang der Strecke gesehen. Unsere Räder sind auch nicht wirklich für solch eine Tour gemacht. Ohne Gepäckträger müssen wir alles auf dem Rücken tragen. Neben der fehlenden Gangschaltung nervt mich vor Allem der Lenker, der viel zu schmal ist und dessen Griffe keine bequeme Position erlauben. Meine Hände sind müde und ich lege sie nur auf den Lenker, anstatt diesen zu umgreifen.

Und dann übersehe ich diesen Ast, der da im Schatten eines Baumes auf dem Weg liegt. Überraschend taumelt der Lenker, und ich überlege noch wie ich diesen halten kann - da fliege ich schon in den Graben. Hände, Arme, Schulter und Knie sind aufgeschürft, und zu allem Überfluss setzen sich auch noch die berüchtigten australischen Fliegen, die einen überall belästigen, auf die Wunden. Durch etwas Glück im Unglück taucht gleich darauf eine Gruppe von fünf Radfahrern auf, die ein Verbandspäckchen dabei haben. So kann ich mich mit ordentlich Desinfektionssalbe und einer Kompresse erstversorgen.

Was tun? Nach Wangaratta sind es noch 30 Kilometer, und meine rechte Hand freut sich nicht gerade darauf, den Lenker zu greifen. Claudia findet heraus, dass man über den Highway abkürzen kann und zehn Kilometer spart. Da sie gerade gute Beine hat, macht sie ordentlich Dampf und nimmt mich in den Windschatten. So schießen wir auf dem schnurgeraden Highway nach Wangaratta, und ich muss nichts tun als ein wenig treten. Dort müssen wir nur noch Essen besorgen und in den Zug nach Melbourne steigen. Nun sollte nur kein Ast mehr auf der Straße liegen...

Sonntag, 10. November 2013

Auf dem Riff des Mount Arapiles

Der Mount Arapiles ist ein einziges Riff, das aus der endlos flachen Umgebung herausragt wie aus dem Meer. Die kilometerlangen Klippen, die über hundert Meter aus der Ebene herausragen, bestehen vollständig aus Quarzit. Ursprünglich eine Ansammlung von Sandstein, wurde dieser durch die Hitze und den Druck unterirdischer Magmaströme zu metamorphem Gestein verschmolzen. Das Quarzit des Mount Arapiles ist extrem hart und kompakt.

Und tatsächlich war die Ebene vor Urzeiten vom Wasser bedeckt, und die Klippen wurden vom Meer umspült. In Bodennähe ist das Gestein vom Wasser geformt, wohingegen es nach oben zerfurcht in den Himmel ragt. Heute schaut man nach Norden über das Flachland, und im Süden zeichnet sich das Gebirge der Grampians ab.

Mount Arapiles and the Mitre Rock, Gemälde von Nicholas Chevalier, 1863 (Quelle)


Immerhin bis 1963 hat es gedauert, bis ein paar Bergsteiger aus Melbourne auf den Mount Arapiles als Klettergebiet aufmerksam wurden. Von dort sind 350 Kilometer Anfahrt zu bewältigen. Auch heute ist der Berg hauptsächlich unter Kletterern bekannt, die meisten Erholungssuchenden und Touristen bleiben eine Fahrstunde vorher in den Schluchten der Grampians hängen.

Aber jedem Kletterer auf der Welt ist der Berg ein Begriff, der in einem Atemzug mit Yosemite, Arco und Frankenjura genannt wird. Wie im Yosemite in Kalifornien fanden sich hier in den 60er Jahren Naturliebende, Bergsteiger, Hippies und Punks zusammen und richteten sich auf dem Zeltplatz The Pines unter den Kiefern ein. Auch heute versprüht der Zeltplatz mit Regenwassertanks und Plumpsklos noch diesen Charme. (Natürlich ohne Strom und Duschen - dafür fast umsonst.) An diesem Wochenende kommen viele Kletterpioniere zusammen und feiern die fünfzigjährige Erstbegehung der ersten Kletterroute. Auch uns nimmt der Zeltplatz für das verlängerte Wochenende auf. Als frischgebackene Mitglieder des Melbourne University Mountaineering Club sind wir angerückt, um uns ausgiebig dem Berg und seinen Klippen zu widmen.

Ryan vor dem Pines Camp Ground



Ich habe einiges über das Klettergebiet gelesen. In vielen Führern wird er als „legendäres Massiv traditionellen Kletterns“ bezeichnet. Die Lesart ist hierbei, dass am Mount Arapiles traditionelles Klettern ausgeübt wird. Wir sind es gewohnt, an jeder Stelle in der Wand einen Haken vorzufinden, in den wir uns einhängen können. Traditionelles Klettern hingegen bedeutet, dass der Fels so weit wie möglich von menschlichen Eingriffen verschont bleibt. Konkret heißt das, dass so gut wie keine Haken in den Fels gebohrt werden.

Am Mount Arapiles muss jegliches Sicherungsmaterial vom Kletterer selbst angebracht und nach der Begehung wieder entfernt werden. Dafür wird spezielle Ausrüstung benötigt, mit der ein Kletterer aussieht wie ein behängter Weihnachtsbaum. Es bedarf etwas Übung, um die Klemmkeile und -geräte belastbar in den Rissen und Spalten zu versenken.

Meine Fehlinterpretation der Bezeichnung traditionelles Klettern ist glücklicherweise nicht schwerwiegend, da alle Kletterer in unserer Gruppe traditionelles Klettern beherrschen und sich somit independent climber nennen dürfen. Weil Claudia und ich das nicht von uns behaupten können, werden wir Ryan und Katy als Seilschaftspartner zugeordnet

Dann kann es also losgehen. Am ersten Tag geht es an den Mitre Rock, der rechts auf dem Gemälde zu sehen ist. Als Katy und ich die erste Route klettern wird mir klar, wie anders traditionelles Klettern im Vergleich zum mir bekannten Sportklettern ist. Zunächst wird viel einfacher geklettert, so dass immer gute Griffe und Tritte vorhanden. Schließlich muss man sich gut festhalten können, um das Sicherungsmaterial anzubringen. Weiterhin nimmt eine Begehung viel mehr Zeit in Anspruch. Die Sicherungspositionen sind erst einmal zu bestimmen, um dann die Sicherung anzubringen. Ist der Vorsteiger oben oder am Ende einer Seillänge angekommen, muss er einen Ankerpunkt errichten und den Nachsteiger (also mich) sichern. Der Nachsteiger ist dann damit beschäftigt, das Sicherungsmaterial wieder aus der Wand zu ziehen.

Am Ende des Tages sind wir doch ziemlich verstört. Wir waren den ganzen Tag am Fels, sind aber kaum geklettert! Und die Routen, die wir gegangen sind, waren so einfach, dass wir noch nicht einmal Ermüdungen an Armen oder Beinen spüren. Das soll nun das mythische traditionelle Klettern am Mount Arapiles sein?

Die Organ Pipes, von der Seite leider nicht so eindrücklich
Der zweite Tag bringt die Wende. Nach einer ordentlichen Lehreinheit an einem kleinen Fels abseits des Massivs sind Claudia und ich mit der Sicherungstechnik vertrauter und können das traditionelle Klettern etwas besser einschätzen. Nachmittags widmen wir uns endlich dem Hauptmassiv, und dort im speziellen den Organ Pipes, einer Reihe von Felsnadeln, die eben so aussehen wie die Pfeifen einer Orgel. Unsere Felsnadel trägt den schönen Namen D Major. Schon auf den ersten Metern wird mir klar, wie gut die Qualität des Steins zum Klettern ist. Überall ragen zerfurchte, unglaublich harte Griffe aus der Wand, und die Spalten sind so tief, dass man sich bequem darin festklemmen kann. So lassen sich zu den Keilen auch Schlingen um ganze Felsnadeln herum legen und in die Sicherung einbeziehen. Der gesamte Klettervorgang geht flüssig von der Hand.

Die Organ Pipes sind deutlich höher als der Mitre Rock am Vortag. So steigen wir an diesem Nachmittag 75 Meter auf die Spitze der Nadel und werden mit einem wahnsinnigen Ausblick belohnt. Das Glück des Kletterers ist nicht nur das reine Klettern, das den Weg zum Ziel macht, sondern auch ein wenig die Gipfelbesteigung. Beim Sportklettern herrschen oft kurze Routen vor, die kaum eine Aussicht herbeizaubern können. Hier am Mount Arapiles begreife ich den Zusammenhang von Klettern und Bergsteigen.

Für Claudia wird der dritte Tag zum unfreiwilligen Ruhetag. Die Sonne ist unser ständiger Begleiter, und auch wenn man teilweise im Schatten klettern kann, so ist man ihrer Strahlung doch ständig ausgesetzt. Trotz Sonnenblocker und Helm oder Hut hat sie Claudia zugesetzt und zwingt sie zum Aussetzen.

Dunes, von Claudias Schattenplatz aus fotografiert (der Punkt ganz oben bin möglicherweise ich)
Für mich wird der dritte Tag zum Höhepunkt unseres Kletterausflugs an den Mount Arapiles. Die Begehung einer Big Wall steht an, also einer besonders langen Route, die mit mehreren Seillängen bewältigt wird. Ryan und Katy haben Dunes mit einer Länge von 109 Metern ausgesucht, und als Dreierseilschaft wandern wir vom Zeltplatz zur Felswand. Claudia begleitet uns dorthin und macht es sich unten im Schatten mit der Kamera bequem.

Zu dritt klettert es sich kaum langsamer als zu zweit, und die zusätzliche Gesellschaft beim Warten oder beim Sichern wiegt das vollständig auf. Und diese Route hat alles, was beim Klettern Spaß macht: tolle Griffe und Kombinationen, trickreiche Schlüsselstellen, plateauartige Standplätze, und alles an diesem wunderbar griffigen und harten Quarzit. Manche Griffe sind allerdings so hart und kieselig, dass der Stein beim Festhalten in die Hand einschneidet.

Meine Seilschaft am ersten Standplatz
Keinerlei Gedanken mache ich mir über meine Höhenangst. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen ich kaum auf den Kölner Dom kam, aber ein wenig mulmig kann mir beizeiten schon noch werden. Ein klein wenig Mut gehört schon dazu, vom dritten Standplatz aus noch einmal in einen Überhang zu klettern oder ein paar Meter zu traversieren. Angst habe ich jedoch zu keinem Zeitpunkt. Vermutlich wird sie überragt von den Glücksgefühlen, die mich die Wand hochtragen. Oben stehen wir tatsächlich an einem der höchsten Punkte des ganzen Berges, und auf den zwei gegenüberliegenden Felskuppen steht jeweils Kletterer. Der Blick nach Norden geht über unseren Zeltplatz hinweg in die ewigen Weiten Australiens.

Neben all dem möchte ich zwei weitere Geschichten nicht verschweigen. Die eine spielt sich ab, als ich mit Ryan weit oben in Dunes an einem Standplatz stehe und Katy auf dem Weg zu uns herauf ist. Unser Standplatz ist geprägt von dem riesigen Anker, an dem wir angeseilt sind. Da kommt plötzlich ein Kletterer über die Felskante, grüßt kurz, und ist auch schon auf dem Weg nach oben. Der junge Mann begeht die Route im freien Solo, er ist vollkommen ungesichert.

Die zweite Geschichte ereignet sich, nachdem wir uns von der Spitze abgeseilt haben und wohlbehalten am Ausgangspunkt am Fuße des Berges angelangt sind. Ryan und ich gehen den steilen Pfad zum Zeltplatz voraus, als Katy hinter uns einen Schrei loslässt. Mit nachlassender Konzentration nach der ganztägigen Kletterei und nur mit Flip-Flops an den Füßen stolpert sie und fällt mit dem rechten Schienbein auf einen Stein. Ihre Schreie klingen nach einem Frakturbruch, mindestens. Wir schleppen und tragen sie bis zum Zeltplatz, wo wir sie in ein Auto verladen und in die nächste Stadt ins Krankenhaus fahren. Glücklicherweise ist nichts gebrochen.

Die beiden Geschichten zeigen, mit wie viel Konzentration ein Kletterer bei der Sache ist. Dies gilt natürlich in extremem Maße für den ungesicherten Solokletterer, für den jeder Fehler tödlich ist, aber natürlich auch für uns, die wir uns jedes Handgriffes vergewissern, um uns gegenseitig zu sichern. Andererseits hört eine Route nicht am Gipfel auf und auch nicht am Fuße des Berges, sondern erst wenn der Abstieg vollendet ist. Sicherlich neigt man dazu, die Konzentration gehen zu lassen, wenn man oben angelangt ist, aber zumindest ein wenig davon sollte noch für den Rückweg übrig sein.

Das traditionelle Klettern beschäftigt mich nachhaltig. In Deutschland gibt es endlose Uneinigkeit zwischen gut gesicherten Sportklettergebieten wie dem Blautal oder dem Frankenjura und traditionellen Klettergebieten wie der Sächsischen Schweiz oder auch der Pfalz. Dabei handelt es sich einfach um verschiedene Disziplinen, die für mich beide einen Reiz haben. Traditionelles Klettern ist viel natürlicher in dem Sinne, dass ein Fels einfach so bestiegen wird, wie er anzutreffen ist. Dabei ist die Gangart von Langsamkeit und Bedacht geprägt, und ein Sturz wird tunlichst vermieden. Beim Sportklettern begeht man präparierte Routen, auf denen ein Sturz zur Tagesordnung gehört, und die deshalb auch viel schneller begangen werden, weil man sich um die Sicherung eben keine Gedanken macht.

Geschafft und glücklich
Es hat mich gepackt, und kaum zurück in Melbourne habe ich mir meine ersten zwei Klemmgeräte gekauft. Ganz besonders gespannt bin ich auf das Klettern daheim in der Pfalz, wo die Kletterrouten recht wenige Bohrhaken aufweisen, dazwischen aber jede Menge Platz zum Üben mit eigenem Sicherungsmaterial lassen.

Mittwoch, 6. November 2013

Alltagswechsel

Unser Aufenthalt in Melbourne stellt einen herausragenden Wechsel dar. Zwar sind wir nahezu jedes Wochenende auf Achse, aber die größte Veränderung liegt doch im Alltäglichen. Anfangs war jedes Detail spannend, das uns unbekannt und neu vorkam. Mittlerweile fühlt sich vieles gewohnt an - Alltag eben.

Erster Stock links - unser Wohnzimmer

Wir wohnen im International House der University of Melbourne, einem richtigen College. Für den aberwitzigen Mietpreis von $113 pro Nacht haben wir dort eine Dreizimmerwohnung mit zwei Schlafzimmern und einem Wohnzimmer. Alle Fenster sind einfach verglast und lassen sich auch nur teilweise öffnen, was die Klimaregulierung erschwert. Der Oktober war doch recht frisch, und wenn es dann mal warme Tage gab, blieb die Wohnung doch weiterhin kalt. Immerhin ist das Wohnzimmer mit einem Gasofen ausgestattet, den wir dann schon mal angeschmissen haben. Ich bin gespannt, ob wir irgendwann auch die Klimaanlage nutzen werden.

Wie Harry Potter beim Frühstück
Frühstück ist inbegriffen. Jeden Morgen schlurfen wir rüber in den Frühstücksraum, in dem nie mehr als ein Dutzend Studenten bei Toast und Muesli sitzen. Immer sind jedoch vier freundliche Mitarbeiter am arbeiten. Dienstags laden sie mir reichlich Pancakes auf meinen Teller. (Die gibt es leider nur Dienstags.)

Wie gelingt es mir zu vermitteln, dass wir hier nicht im Urlaub sind? Den ganzen Oktober waren wir sehr fleißig und haben viel Zeit in unseren Büros an der University of Melbourne verbracht. Claudia sitzt im dritten Stock in einem Großraumbüro voller Doktoranden, ohne Tageslicht. Ich in einem Einzelbüro im fünften Stock des selben Gebäudes. Wenn ich zum Fenster schräg hinter meinem Rücken gehe, schaue ich nach Westen über den Hafen und die endlosen Vororte.

Aussicht aus meinem Büro

Im vierten Stockwerk treffen Claudia und ich uns regelmäßig. Dort steht eine italienische Espressomaschine, es gibt frische Bohnen und der Kühlschrank ist voller Frischmilch. Und das Beste: kostenlose Selbstbedienung! Nun heißt es Bohnen mahlen, das Kaffemehl im Siebträger stampfen, den Siebträger in den Bajonettverschluss einhängen und das Wasser mit neun Bar Druck durchjagen. Das ist einfach. Viel schwerer fällt mir das Aufschäumen der Milch mit der heißen Druckluft, um den perfekt-fluffigen Milchschaum zu erzeugen. Heute hat das ziemlich gut geklappt, aber ich habe ja noch ein paar Wochen zum üben.

Ich habe den Dreh raus!