Donnerstag, 19. Dezember 2013

Besuch in Brisneyland

Melbourne betrachtet sich gegenüber Brisbane als kulturell überlegen. Brisbane sei ein hedonistischer Vergüngungspark mit chronisch gutem Wetter, Brisneyland eben. Andere böse Zungen sagen auch Bris Vegas. Sicherlich wird hier jedes Klischee bestätigt: die ewige Sonne, endloser Strand, pisswarmes Meer, Surfer, Vergnügungsparks, Kasinos. Natürlich bin ich von keinem dieser Faktoren angezogen worden. Ein bisschen Sonne und Strand vielleicht. Der Anlass für meinen Besuch ist Anne, mit der ich ein paar Monate zusammen gearbeitet habe. Nun promoviert sie in Brisbane. Ich werde ein paar Tage hier verbringen, an der Uni vortragen, und eine kurze Auszeit genießen.

Brisbane liegt 1.500 Kilometer nordwestlich von Melbourne und ist umgeben von Orten mit solch phantasievollen Namen wie Gold Coast, Sunshine Coast und Surfers Paradise. Das Klima ist subtropisch, und die Regenzeit steht vor der Tür. Brisbane liegt nicht direkt am Meer, sondern am Brisbane River, der sich in seiner ganzen Breite mitten durch die Stadt schlängelt. Alleine der Fluss verdeutlicht, wie viel feuchter Queensland im Vergleich zu Victoria ist: Ähnelt der Yarra River einem Bächlein, so ist der Brisbane River ein tropischer Strom.

Brisbane CBD vom Aussichtspunkt West End
Ich reise mit dem Billigflieger an, wie es sich gehört. Für wenig Geld kann man quer durch Australien fliegen, und so wird das Land im Prinzip etwas kleiner. Doch auch ein Billigflug hat seinen Preis, den ich noch vor dem Start bezahle: zwei Stunden Verspätung. Exakt das gleiche passiert mir auf dem Rückflug noch mal.

Zunächst einmal lande ich in Brisbane und fahre mit dem Zug in die Innenstadt. Die sieht erst mal so aus wie der CBD in Melbourne, und sie nennt sich auch so. Anne holt mich am Bahnhof ab und wir steigen in einen Bus in ihr Viertel, ins West End. Sie ist gezielt hierher gezogen, da hier die Künstlerszene wohnt. Sobald wir den CBD verlassen und den Brisbane River überqueren, wird es gemütlicher. Die Häuser werden sofort niedriger, die Gärten größer, die Vegetation bunter. Auch als Fußgänger kommt man hier zurecht, und neben den Bussen gibt es Katamaranfähren, mit denen Anne jeden Morgen zur Uni fährt. Es ist ein Freitagnachmittag im Sommer, alle sind auf der Straße unterwegs, sitzen in den Cafés und Restaurants, alles blüht. Anne wohnt in einer Wohngemeinschaft in einem Haus mit riesengroßem, verwilderten Garten. Ich erspähe die Hängematte und fühle, dass sie mir meinen Urlaub versüßen könnte.

Mount Tibrogargan, Glasshouse Mountains
Am nächsten Morgen holt uns eine Freundin mit einem klapprigen Hyundai ab, wir klemmen zwei Surfbretter aufs Dach, und los geht's. Anne hat das Wochenende vollgepackt und durchgeplant. Vermutlich nehmen sich andere für die Tour eine Woche Zeit. Das erste Ziel sind die Glasshouse Mountains. Das sind ehemalige Vulkanschlote: Im Laufe der Zeit wurde die durch den Vulkan angehobene Erde von Erosion abgetragen, und die erstarrten Lavaströme im Vulkanschlot sind stehengeblieben. Ich bin selbst wie erstarrt bei dem Anblick. Als ich lese, dass die Steinnadeln auch geklettert werden, erwäge ich einfach hier zu bleiben.

Aber ich habe meine Ausrüstung in Melbourne gelassen, also steige ich wieder ins Auto und wir fahren nach Maleny. Dort gibt es Abendessen und eine Übernachtung. Maleny ist ein Hippiedorf. Recht früh haben sich hier wohl Aussteiger angesiedelt, um genossenschaftlich Landwirtschaft zu betrieben. Die Kneipen und Restaurants verbreiten einen Hauch von Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch die "Hippies" sind zu Geld gekommen, und so wird diese Atmosphäre in der Rechnung eingepreist. Die Livemusik ist schön und langsam, und zusammen mit dem Essen und den Erlebnissen des Tages werden wir müde.

Unser Frühstück am Sonntag schieben wir für eine halbe Stunde auf. Anne frühstückt sowieso nicht und uns fehlt auch noch der Joghurt für das perfekte Müsli. Wir fahren ein paar Minuten bis zu einem Aussichtspavillon. Dort decken wir auf und genießen "eines der besten Müsli der Welt" (so die Verpackung) und den Ausblick über die Hügel bis zur Sunshine Coast. Im Gegensatz zu Samstag sind wir früh auf den Beinen, und bevor wir zum Strand rollen, unternehmen wir einen Spaziergang durch einen Nationalpark, um wach zu werden. Trotz der frühen Stunde ist es schon warm, und als wir am Rock Pool vorbei kommen, der von zwei Mädchen mit einem Tarzanseil beplanscht wird, sehnen wir uns nach der Erfrischung. Eines der Mädchen erklärt uns ein paar Tricks und schon dürfen wir uns ins Wasser stürzen, natürlich mit Tarzanschrei. Später erfahre ich, dass noch niemand die Tiefe des Pools gemessen hat - er ist wohl sehr tief.

Unbekannte Echse
Natürlich ist unser Besuch viel zu kurz, und ich komme kaum dazu, Fotos zu machen. Die Vegetation ist anders als in Victoria, aber auch ein paar neue Tiere bekomme ich zu Gesicht. Macht man nicht zu viel Lärm, sitzt schon mal eine meterlange Echse auf dem Weg. Ich brauche mehr Zeit. Aber der Tag ist geplant, wir sind wieder auf der Straße und nehmen Kurs auf Noosa an der Sunshine Coast. Sicherlich werden wir hinter vorgehaltener Hand schon als verrückt erklärt, dass wir zwei Surfbretter durch die Berge und Nationalparks schleppen.

Noosa ist leider gar nicht mein Ding. Der Strand weiß, das Meer warm, und alles voller Sonnensüchtiger. Wir treffen auf weitere Freunde von Anne, und alle packen sich erst mal richtig fett in die Sonne. Ich schnappe mir mein Buch, kaufe mir einen Burger und setze mich unter eine Palme. So bringen wir die Zeit rum, bis es nicht mehr so stark runterbrennt, und bis wir endlich die Bretter vom Auto holen. Ich stand zuvor noch nie auf solch einem Board, und auch heute gelingt es mir nur für wenige Sekunden. Auch hier fehlt wieder die Zeit, aber nach einer Stunde habe ich zumindest eine Ahnung davon, wie es sein könnte, eine Welle zu reiten.

Das Wochenende geht zu Ende, wir fahren in der Dämmerung zurück nach Brisbane. Nicht nur ich bin geschafft vom vorgelegten Tempo. Anne wird die Woche über arbeiten, am Montag trage ich bei ihr an der Uni vor. Was unternehme ich die Tage danach? Alle meine Pläne verfliegen, die Faulheit setzt sich endlich durch. Gleich nach meinem Vortrag fahre ich zu Annes Haus und lege mich in die Hängematte. Lesen wird von Schlafen unterbrochen, ab und zu bummele ich durch das Viertel. Etwas zu Essen machen, ein wenig fotografieren. Mein Körper holt sich, was ich ihm zwei Monate lang verwehrt habe.

Aus Kinderschaukel wird Affenschaukel

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Marvellous Melbourne?

Typisches Wetter über Melbourne CBD, vom St. Kilda Pier aus fotografiert
Wenig Aufmerksamkeit habe ich in meinen Artikeln Melbourne gewidmet. Ursächlich dafür ist wohl, dass ich an den Wochenenden mit Erlebnissen überschwemmt wurde. Nur zweieinhalb Wochenenden waren wir in Melbourne selbst, und so wundert mich nicht, dass wir die Zeit in der Stadt weniger intensiv erlebt haben. Ungeachtet dieser Relation haben wir viel von der Stadt gesehen. Mit unseren Rädern haben wir sie erkundet. Viele Restaurants haben wir besucht und unerhört gut gespeist. Die Pinguine haben wir bewundert. Der Markt war regelmäßiger Anlaufpunkt, und auch Einkaufen kam nicht zu kurz. Für Claudia ist der Aufenthalt am Freitag zu Ende gegangen, die Fahrräder sind verkauft. Zeit für eine Würdigung unserer temporären Wahlheimat.

Unsere Wohnung liegt in Carlton, dem italienischen und Universitätsviertel. In den ersten Tagen nach unserer Ankunft haben wir die nähere Umgebung untersucht und die Kaffeekultur entdeckt. Der Legende nach haben italienische Einwanderer in den 1950er Jahren die erste Espressomaschine nach Australien gebracht und ein Café in der Lygon Street, dem Herz von Little Italy, eröffnet. Neben Kaffee gibt es dort italienische Süsigkeiten und Feinkost. Dort hat sich auch die feine Küche geformt, die sich in ganz Melbourne und darüber hinaus verbreitet hat. So steht die Lygon Street in ganz Australien sinnbildlich für Kulinarik, die den britischen Einheitsbrei von Fish 'n' Chips auflockert.

Das Café Brunetti in der Lygon Street
Auch abseits italienischer Restaurants lässt sich hervorragend speisen. Mein absoluter Favorit ist das Claypot in St. Kilda, ein Fischrestaurant mit französischem Flair und südostasiatischem Flavour. Neben den namengebenden Tontöpfen kann man aus dem reichhaltigen Angebot auswählen. Wir waren zweimal dort, haben jedoch keinen Red Snapper probiert, den wohl bekanntesten Fisch Australiens. Weiter ging es mit hervorragenden asiatischen Restaurants, in Erinnerung bleiben Kambodscha, Vietnam und Thailand. Das exquisiteste Restaurant, dem wir einen Besuch abgestattet haben, ist sicherlich der Mexikaner im östlichen CBD. Dank telefonischer Reservierung konnten wir einfach an der fünfzig Personen langen Schlange vorbei in den ersten Stock schreiten und uns an den mikroskopisch kleinen Fischportionen erfreuen.

Wenig Zeit haben wir in Bars verbracht. An jeder größeren Straßenecke - so wie in jedem noch so kleinen Dorf - gibt es ein Hotel; so werden in Australien die Kneipen bezeichnet. Dort trifft sich je nach Bekanntheit der umliegende Block oder die halbe Stadt. Ein Grund, warum man hier wenig Zeit verbringen sollte, sind schlicht die Alkoholpreise. Ein Bier in einer anständigen Größe kostet 10 Dollar, der Wein ist nicht billiger. Einen Cocktail haben wir nur ein mal bestellt. Lecker ist das Bier allemal. Die geschmackliche Bandbreite ist enorm, und so mancher Deutscher könnte Gefallen daran finden, würde er nur seine Überheblichkeit von wegen der Überlegenheit deutscher Biere etwas herunterfahren. Billig ist kein Getränk in Melbourne, nicht einmal das Wasser. Victoria ist im Sommer trocken, und so ist auch Trinkwasser kostbar.

Dank Thomas Erfahrungsfundus sind wir auf Milkshakes aufmerksam geworden. Thomas hat uns Jerry's Milk Bar in St. Kilda (Elwood, um genau zu sein) empfohlen, gleich um die Ecke seiner damaligen Wohnung. Die Milchbar ist durch Jerry wohl zu einer Institution geworden; wahrscheinlich war Jerry selbst eine Institution. Er hat die Bar übernommen, im Obergeschoss gehaust, und unten frische Austern aus Eimern verkauft. Die Nachbesitzer sind dann wohl wieder zum Milkshake und Kaffee übergegangen, und haben den Laden im Stil der 50er Jahre renoviert.

Jerry's Milk Bar (Für Thomas)
Nach St. Kilda sind wir gerne geradelt, schließlich grenzt Melbourne hier an den Sandstrand der Bucht. Einen Besuch wert ist der Pier, an dem sich aus irgendeinem Grund eine ganze Pinguinkolonie angesiedelt hat. Zur Abenddämmerung strömen die Touristen hierher und hoffen auf Scharen von Pinguinen, die aus dem Wasser hüpfen und in ihr Zuhause in den Felsspalte kriechen. Am Sandstrand kann man natürlich noch andere Sachen machen. Gerne gestehe ich, dass ich nur bis zu den Knien drin war. Aber Claudia hat sich das Badevergnügen vom berüchtigten Wetter nicht nehmen lassen.

A propos Wetter. Das Wetter verdient ein eigenes Kapitel, wenn nicht einen eigenen Artikel. Selbstverständlich hatte ich mich vorher schlau gemacht und war somit informiert, dass das Klima in Victoria nicht ganz mit der sprichwörtlichen Hitze Australiens mithält und an Europa erinnert. Was ich nicht ahnen konnte ist, dass wir hier einen der feuchtesten Frühlinge Victorias miterleben. Bei unserer Ankunft Anfang Oktober war es dann auch noch ziemlich kalt. Nicht dass uns das stören würde, aber für die Häuser hier ist Isolation ein Fremdwort. So haben wir tatsächlich ein paar Mal abends den Gasofen im Wohnzimmer angeschmissen, der große Hitze versprüht. Sobald wir ihn ausschalteten, wurde es aber prompt wieder kalt.

Über das Wetter in Melbourne sagt man, dass es four seasons in a day, also alle vier Jahreszeiten an einem Tag, bietet. Hier an der Küste trifft die heiße Luft aus dem Landesinneren auf eisige Winde aus Antarktika, und so schwenkt das Wetter enorm schnell um. Tatsächlich haben wir selten Dauerregen erlebt, dafür hat es nahezu jeden Tag einmal geregnet. Wenn die Sonne rauskommt, wird es sofort heiß. So kommt es, dass die Temperatur über den Tag problemlos zwischen 15 und 30° schwanken kann. Irgendwie finde ich das gut. Man kommt zwar nicht zum Sonnenbaden, aber das liegt mir eh nicht besonders. Dafür ist auch nie so lange schlechtes Wetter, dass ich schlechte Laune bekomme.

Erkundungstour in South Yarra
Melbourne wird immer wieder als besonders lebenswerte Stadt bezeichnet, und viele Magazine attestieren hohe Lebensqualität. Gründe, die zum Untermauern dieser Behauptung angeführt werden, sind das vielfältige kulturelle und kulinarische Angebot, abwechslungsreiche, gewachsene Nachbarschaften, ein gutes Nahverkehrsnetz, und schließlich ein Arbeitsmarkt, der einen hohen  Lebensstandard ermöglicht. Viele Argumente kann ich wohl noch nicht vollständig beurteilen, in manchen stimme ich überein, manchen aber trete ich entschieden entgegen.

Dass das Verkehrskonzept fast exklusiv auf Autos ausgerichtet ist, überraschte mich nicht. Die Stadt ist größtenteils in Planquadraten aufgebaut, an jeder Ecke treffen also zwei Straßen im rechten Winkel aufeinander, und der Verkehr muss geregelt werden. Natürlich bekommen Autos eine grüne Welle spendiert, während Fußgänger lange warten müssen, um die Kreuzung zu überqueren. Und ein paar hundert Meter weiter kommt schließlich die nächste Kreuzung. Besonders ärgerlich finde ich, dass man als Fußgänger per Knopfdrück für die nächste Grünphase betteln muss. Drückt man nicht, bleibt die Fußgängerampel einfach rot!

Nun zum Radverkehr. Zu meinen ersten Eindrücken von Melbourne zählen die vielen Radfahrer, die hier unterwegs sind, und die vielen Fahrradspuren. Nicht zuletzt diese Eindrücke haben uns dazu veranlasst, uns möglichst schnell eigene Räder zuzulegen. Doch die Realität der Radfahrer sieht nicht so rosig aus, wie vorerst angenommen. Die meisten Radspuren sind zwischen Parkplätzen und der Autospur angelegt. Dass in Australien Linksverkehr herrscht, macht die Sache für mich noch komplizierter. Links der Spur parken Autos, deren Fahrer jederzeit die rechte Tür aufreißen können. Von rechts donnern Horden von Autos vorbei. Die grüne Welle der Ampeln ist auf die Geschwindigkeit der Autos abgestimmt, mit dem Rad darf man also bei etwa jeder zweiten Kreuzung anhalten. Zügig kommt man so nicht voran.

Fahrradfreundlich sind hingegen einige Rail Trails auf ehemaligen Bahnstrecken und Fluß- oder Kanalradwege, auf denen man schnell weite Distanzen zwischen Stadtteilen zurücklegen kann. Auch auf dem Strandradweg in St. Kilda kann man lange ohne Kreuzungen oder Ampeln radeln. Leider kann man deren Anzahl an den Fingern einer Hand abzählen, so dass sie zusammen kein Netz bilden.

Erwähnenswert finde ich auch die australienweite Helmpflicht. Das Gebot zum Tragen eines Helms auf dem Fahrrad ist unbestreitbar. Auch wenn nur wenige Stürze auf dem Kopf enden, so sind die Folgen fatal, wenn es doch soweit kommt. Andererseits ist das Fahrrad ein Verkehrsmittel ähnlich dem Fußgang, dessen Ziel auch mal der Supermarkt um die Ecke sein kann. Auf die Schnelle vergisst man dann seinen Helm. (Ich würde das nicht schreiben, wenn mir das nicht zwei mal passiert wäre.) Nun wird das Vergessen hier aber mit einem Vergehen gleichgesetzt, auf das eine Bußgeldstrafe von 180 Dollar ausgesetzt ist. Die Diskussion und einige Studien kreisen um die Frage, ob die Helmpflicht in Verbindung mit den hohen Geldstrafen Verkehrsteilnehmer vom Radfahren abhält.

Melbourne zentriert sich um den CBD, den Central Business District. Am Yarra River gelegen, wurden diese Planquadrate von den ersten Siedlern angelegt und bebaut. Melbourne ist dabei eine der wenigen Städte Australiens, die nicht als Strafkolonie, sondern als zivile Siedlung errichtet wurden. Um dieses Zentrum herum hat sich Melbourne im Laufe von über zweihundert Jahren ausgebreitet. Und breitet sich auch heute noch aus. Die Vorlieben der Australier scheinen sich exklusiv in Einfamilienhäusern mit Kleingarten niederzuschlagen. Im CBD wurden die einstöckigen Häuser nach und nach von Wolkenkratzern und Zweckbauten verdrängt, aber schon in der unmittelbar angrenzenden Peripherie erstrecken sich die eingeschossigen Privatbauten bis über den Horizont.

Arbeitsplätze gibt es fast ausschließlich im CBD, Wohnraum erstreckt sich bis an die Stadtgrenzen. Die Auswirkungen kann man sich leicht ausmalen: Die Melburnians nehmen elendig lange Pendelzeiten in Kauf. Überwiegend natürlich mit dem Auto, wobei man zu den Stoßzeiten von den äußersten Vororten bis ins CBD schon mal zwei Stunden unterwegs ist. Lösungen sind kaum in Sicht. ein Unternehmen in den Vororten oder gar einer Vorstadt anzusiedeln, kommt vermutlich geschäftlichem Selbstmord gleich. Und Wohnraum in der Innenstadt ist auch bei dem hohen Einkommensniveau kaum bezahlbar.

hardrock - unsere Kletterhalle in Melbourne CBD
Vieles haben wir ausprobiert, aber noch sehr viel mehr blieb unentdeckt. Wir haben uns nicht in der Musikszene bewegt, uns nicht mit Kunst beschäftigt, nicht ein einziges Museum betreten. Eine Bildungsreise haben wir demnach nicht hinter uns. In so manchen spannenden Stadtteil haben wir hineingeschnuppert, diesen aber nicht weiter erkundet. Brunswick ist uns gleich am ersten Abend als studentisch und alternativ aufgefallen, aber außer zwei Abendessen sind wir dort nicht rumgestrolcht. Fitzroy war Claudias auserwähltes Shoppingziel, und die Gegend hat sicherlich noch viel mehr zu bieten. Und viel zu selten haben wir die Stadtteile südlich des Yarra River besucht.

Zur Zerstreuung unserer Arbeitswochen sind wir an nahezu jedem Wochenende aus Melbourne geflüchtet, um Natur zu erleben. Das Klettern, das ich erst im August für mich entdeckt hatte, prägte unseren Aufenthalt. Erste Anlaufstelle war die Kletterhalle hardrock mitten im CBD, hinter deren Glaswänden wir uns häufig in der Vertikalen bewegt haben. Hier sind wir auf  Ksenia und Nik gestoßen, die uns auf den Mountaineering Club hingewiesen haben. Dem Club sind wir sofort beigetreten, haben dort Abenteuerfotos und Kletterfilme geschaut, Abenteurer kennen gelernt, Ausrüstung geliehen und Ausflüge unternommen.

Melbourne bleibt mir fidel, rastlos, mondän, intellektuell, laut, abwechslungsreich, multikulturell, offen, fordernd in Erinnerung. Ein bisschen wie Berlin. Vor ein paar Jahren wäre ich vielleicht hier geblieben. Diese Gefahr besteht gerade nicht - hallo Mama! - , aber auf Besuch wieder zu kommen wäre schön.