Dienstag, 2. Dezember 2014

Schachmatt am Mont Aigoual

Tim Krabbé ist Schachspieler. Als studierter Psychologe erstellt er leidenschaftlich Psychogramme seiner Gegner und versucht, ihre nächsten Züge zu bestimmen. Er ist auch irgendwie Sportjournalist, und natürlich Schriftsteller. Krabbé ist aber vor allem als Radrennfahrer geboren. In seinem Roman Das Rennen zeigt er, wie er sich seit frühester Kindheit dem Radfahren genähert hat, und wie der Wettkampfgedanke in ihm gereift ist. "Ich will nur gegen Schachfiguren auf Fahrrädern kämpfen," beschreibt er seine Ansicht dieser Leidenschaft.

Die Erzählung dreht sich um die Mont-Aigoual-Rundfahrt in den Cevennen am 26. Juni 1977. Krabbé nimmt sich damit der Herausforderung an, über Sport und Leidenschaft zu schreiben (und nicht Sport zu beschreiben). Ausschlaggebend für das Gelingen dieses Vorhabens ist sicherlich der Umstand, dass er dieses und einige hundert andere Amateur-Rennen selbst gefahren ist. Es handelt sich also um eine autobiographische Abhandlung eines einprägenden Radrennens, die den Leser im Präsens einsaugt.

Mont Aigoual (Quelle: Wikimedia)
Das Buch ist eine Liebeserklärung an ein Radrennen, ja an das Straßenrennen an sich. Dieses beschreibt er als Königsdisziplin des Radsports, in der Ausdauer, Taktik, mentale und Antriebsstärke, Leidensfähigkeit und Strategie zusammenspielen. Die Essenz der Erzählung ist, dass nicht medialer Rummel, nicht die Liga, nicht der Ruhm und nicht der Mythos ein Radrennen ausmachen---alleine der persönliche Einsatz, die Lust und das Leiden prägen das Erlebnis in die Erinnerung ein. Trotzdem---oder gerade deswegen---will er das Rennen unbedingt gewinnen.

Über die 137 Kilometer der Rundfahrt mit Start und Ziel in Meyrueis folgt der Leser dem Fahrer mit seinen Gedankengängen und Rückblicken hautnah. Bereits am Start weiß Krabbé, dass er Zweiter sein wird. Als großer Stratege ist ihm sein stärkster Gegner, Reilhan, bekannt. Dieser schlängelt sich durch das Rennen und fährt nie im Wind, dabei immerzu begleitet vom privaten Begleitwagen mit Papa am Lenkrad. Krabbé dagegen betrachtet sich als moralisch überlegenen Rennfahrer, der am Berg, im Sprint, auf windgepeitschter Hochebene und in der Abfahrt den Schmerz und innere Widerstände besiegt. "Das Leiden war am schönsten."

Über fünf Pässe geht es durch das Mittelgebirge, die Strecke zieht sich wie eine acht durch das Zentrum Meyrueis. Während die erste Hälfte von Schluchten mit kleineren Anstiegen und einer Hochebene geprägt ist, geht es in der zweiten Hälfte der Schleife auf den 1.567 Meter hohen Mont Aigoual. Im Anstieg kann Krabbé in Führung gehen, wird aber in der Abfahrt wieder eingeholt. Den Sprint auf der Zielgerade kann um zehn Zentimeter Reilhan für sich entscheiden. Auch wenn er das Rennen nicht gewinnen kann, ist die erlangte Freiheit sein größter Gewinn: "Ich gebe nur deshalb alles, weil es niemand verlangt." Durch den Sieg des Willens reift er zum moralischen Sieger.

Fotobeweis: Trinkflasche im Halter





Das Buch behandelt neben der Rennerzählung, von der man sich als Brevetbericht-Schreiber so manches Spannungselement abschauen kann, auch literarische Themen. Eines davon ist das Verhältnis von Bild und Erzählung. Krabbé erzählt dazu einen Radfahrermythos, der sich durch Fotos falsifizieren lässt. So hat der Legende nach Jacques Anquetil bei Anstiegen seine Trinkflasche aus dem Flaschenhalter genommen und in seine Trikottasche gesteckt, um das Rad zu erleichtern. Dieser psychische Trick half ihm, mentale Stärke zu entwickeln. Auf allen Fotos, die Anquetil im Anstieg zeigen, steckt seine Flasche jedoch im Halter. "[Die] Geschichte trifft die Seele des Rennfahrers, also ist sie wahr. Diese Fotos sind ungenau." So verhält es sich auch mit dem Denkmal Tom Simpsons, das eineinhalb Kilometer vor dem Gipfel des Mont Ventoux steht, obwohl Simpson bereits drei Kilometer vor dem Ziel zusammenbrach. "[U]m ein klares Bild zu vermitteln, bedarf die Wirklichkeit eines Hilfsmittels, der Anekdote."

Eine weitere literarische Abhandlung versteckt sich in der Heldenverehrung. Je mehr über (Rad-)Sport berichtet wird und je größer somit der Abstand zwischen Sportlern und Zuschauern wird, umso verklärter und entfremdeter wird deren Verhältnis zueinander. Dieser Konflikt wird von Krabbé veranschaulicht anhand eines Mädchens, das am Straßenrand steht und ihn anfeuert. Sie kennt ihre Idole nur aus Medien und verehrt das journalistische Klischee, weiß aber weder etwas über deren sportlerischen Hintergrund oder gar Innenleben. "Mit welchem Recht erhebt dieses Mädchen seine Stimme? [...] Ich hasse sie. [...] Für sie gibt es Radsport nicht mehr."

Das Rennen ist ein großer Titel der Fahrradliteratur. Sehr weit kann ich mitfühlen: Leiden und Willen sind auch die großen Themen der Randonneure. Manches kompetitive Element geht mir hingegen ab. Aber ich bin ja auch kein Rennfahrer. Noch nicht...

Danke an Dietmar Clever, der mich mit seinem Bericht dazu inspiriert hat, das Buch endlich einmal zu lesen. Allen Lesern eine frohe Adventszeit, in der sie vielleicht eine ruhige Minute finden, das Buch aufzuschlagen.

Montag, 16. Juni 2014

Der Tod in Vesoul

Auf der D9 nach Vesoul
Die D9 hat mich in den Wahnsinn getrieben. Es war nur ein kurzes Stück Strecke, auf welchem sich die breite Straße schnurgerade einige Hügel hinaufschiebt. Von jedem der Hügel konnte man sehen, wie sie weitere Hügel überspannt. Die Abfahrten waren kürzer als die Anstiege, also ging es tendenziell bergauf. Die Hügelkuppen waren hoch genug, um plötzlich Autos auszuspucken, die auf und ab über die Landstraße rasten.

Autos sind zahlreich unterwegs an diesem Pfingstsonntag, die Radfahrer gekonnt und knapp überholen. Unterwegs zu Verwandten, zum Mittagessen und zum See. Überhaupt ist es zum Radfahren eigentlich viel zu heiß. Bei Saharahitze im Juni steigen nur Verrückte aufs Rad. In der Mittagshitze musste ich auf den trostlosen Boulevard des Alliés einbiegen, an der Stadt vorbei Richtung Bahnhof fahren. Mit dem Wissen, dass dieser Abstecher lediglich dem Stempel am Bahnhof dient, um den gleichen Weg zurück zu fahren.

Nun sitze ich vor dem Bahnhof von Vesoul. Die Hitze flimmert über den Bahnhofsvorplatz, während ich im Schatten eines kleinen Bistros sitze und feststelle, dass ich weder meine Pizza essen noch Limonade trinken kann. Sonnenhitze, weder Energie- noch Flüssigkeitsaufnahme - das Brevet ist wohl gelaufen.

Dabei trage ich unglaubliche Erlebnisse und hinreißende Bilder in meinem Kopf mit mir herum, die ich erst in den letzten dreißig Stunden gesammelt habe. Das Jura liegt hinter mir, ich bin den Hauptkamm von Nordost nach Südwest entlang gefahren. Dabei habe ich lange Passanstiege bezwungen, die sich allesamt sehr flüssig fahren ließen. Immer wieder bin ich auf den Doubs gestoßen, diesen wundersamen, wie ein See da liegenden Fluss, der immer wieder versickert und woanders wieder auftaucht. Entgegen meiner Vorstellung lag er in wabernder Lufttemperatur von 35 Grad da, konnte mir dann aber doch ein erfrischendes Bad bieten.

Nach einem kapitalen Anstieg über Maîche nach Fournet-Blancheroche schossen wir in einer freudentränentreibenden Abfahrt runter zur Schlucht des Doubs, lediglich um diesen auf einer Stahlträgerbrücke zu überqueren und auf der anderen Seite wieder in den Anstieg zu gehen. Auf der Brücke habe ich nicht nur eine Landesgrenze überschritten. Der Blick von der Brücke in die Schlucht hinein war wie ins Innerste einer Seele. Zwischen den Rausch der Abfahrt und das klare Wissen um den Gegenanstieg, gepaart mit der scheinbaren Sinnlosigkeit dieser Schluchtquerung, schob sich dieser wunderbare Anblick wie eine Fotografie auf einem Diaprojektor.

Beim Anstieg nach La Chaux-de-Fonds zogen Wolken auf, was die Hitze nur in eine Schwüle verwandelte. Beim Eintauchen in den Boulevard von Chaux-de-Fonds schmerzte Philip, Heikki und mir der Rücken, so dass wir am Bahnhof eine Pause einlegten. Während den Minuten der Regeneration stolperte der eine oder andere Randonneur hinein, und nicht jeder konnte der Verlockung der Eisenbahn auf tausend Meter Höhe widerstehen. Auch unser Gefährte Bernhard hatte im Anstieg schon aufgegeben.

Scheideweg am Bahnhof La Chaux-de-Fonds
Schließlich machten wir uns auf den Weg zum Dach der Tour, dem Col Vue des Alpes, der im Sonnenuntergang tatsächlich die Alpen erahnen ließ. Weiter rollten wir dem Jura-Hauptkamm entlang der Nacht und Champagnole entgegen. Nach dem südwestlichen Wendepunkt ließ ich meine Mitstreiter ziehen, um mich aufs Ohr zu legen. In einem kleinen Park in Salins-les-Bains streckte ich mich auf dem Gras aus, um mich eine Stunde später vom einsetzenden Morgengrauen wecken zu lassen. Taumelnd aber entspannt setzte ich mich wieder in den Sattel, um  mich aus dem Tal herauszuschrauben.

An diesem Sonntagmorgen ließ die Sonne nicht lange auf sich warten und begleitete mich auf meinen 150 Solokilometern bis nach Vesoul. Erstaunlicherweise hat der Sonnenblocker meine Haut effektiv geschützt, und wird es auch noch bis zum Ende des Brevets tun. Wenn auch meine Haut davon gekommen ist, so hat die Sonne meinem Organismus umso mehr zugesetzt.

Und da sitze ich nun in Vesoul und kann nicht weiter. Ich bin hier im vollen Bewußtsein meiner Kräfte und doch unfähig Rad zu fahren. Die Frustration über die Widersprüchlichkeit der Situation treibt mir wütende Tränen in die Augen.

Gare de Vesoul (Quelle)
Nach einer Stunde setzen sich zwei Randonneure an meinen Tisch, es sind Stefan und Reinhold. Ich muss kurz eingeschlafen sein, nun aber regen sich meine Geister wieder. Eine Flasche Wasser kann ich nun trinken, kann an meiner Pizza nagen, und ein Eis verschlinge ich sogleich darauf. Die beiden fragen, ob ich mitfahre, und schon geht es weiter.

Was folgt, ist ein Klacks. Nur noch 150 Kilometer, und dazu formidablen Windschatten. Ein wenig verfliegt meine Leichtigkeit in den Ausläufern der Vogesen, gleichzeitig ist mir aber klar, dass ich heute in Freiburg ankommen werde. Und meinen ersten Brevet von 600 Kilometern bestehen kann.

In der Rheinebene sammeln wir Philip ein, mit dem ich den Samstag zusammen gefahren bin. Zu viert überqueren wir wieder bei Fessenheim den Rhein und sind nach einem Kurzurlaub zurück in Deutschland. Unter euphorischem Gequassel rollen wir auf einem Radweg dahin und bemerken, dass wir von der Strecke abgekommen sind. 600 Kilometer autarke Navigation ohne einen einzigen Fehler durch die Schweiz und Frankreich, und nun scheitern wir auf den letzten Metern.

Philip verabschiedet sich mit der Gewissheit des Ortskundigen nach rechts. Ich vertraue Stefan bei der Navigation und werde stutzig, als wir erst an Bad Krozingen vorbei und dann nach Staufen fahren. Als Stefan "rechts" sagt, ziehe ich die Notbremse. Wir sind auf dem Track, welchem wir am Samstagmorgen aus Freiburg heraus gefolgt sind, und nun im Begriff die Strecke erneut zu fahren. Es hilft nichts, wir müssen nun nach links, noch einmal über den Berg bei Sölden zurück nach Freiburg. Diese letzten Höhenmeter können mir nichts mehr anhaben, im Wiegetritt fliege ich über sie hinweg.

Mit der zurückkehrenden Dunkelheit kommt auch endlich die Müdigkeit. Trotz nur einer Stunde Dämmerschlaf war ich den ganzen Tag über wach und konzentriert. Am Augustiner geben wir unsere Stempelkarten ab und verabschieden uns. Claudia muss noch mein aufgeregtes Geplapper ertragen und mich zu meinem Teller Spargel zwingen. Auch im Tiefschlaf fahre ich noch weiter, meine Beine versuchen zu treten und mein Puls findet erst am nächsten Tag seine Ruhe.

Fast 39 Stunden war ich unterwegs, davon 30 auf dem Rad.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Einen Ring fahren


Ein paar Tage Erholungsurlaub, ganz ohne Fahrrad. Während im Nordosten der irischen Insel der Giro d'Italia zu Besuch ist, lassen Claudia und ich im Südwesten die Seele baumeln. Verständlich, dass mir auf einer solchen Entzugsveranstaltung die Augen übergehen angesichts der einsamen Küstenstraßen und der kontraststarken Farben des Himmels, des Meeres, der Wiesen und der Felsen.

Die Irland bereisenden Massen kennen den Ring of Kerry. Als Küstenstraße schlängelt sie sich 200 Kilometer über die Iveragh-Halbinsel. Die idyllischen schmalen Sträßchen, angelegt zur Verbindung der kleinen Dörfer, werden von Sonntagsfahrern und Ausflugsbussen befahren. Deren Insassen genießen die Fortbewegung und glotzen die rauen Naturerzeugnisse an. Prinzipiell unterscheiden sie sich kaum von lustorientierten Radfahrern.

Kompatibel sind motorisierte Touristen und Radtouristen dann aber doch nicht, denke ich mir beim Anblick des Meeres von meiner Warte am Ring of Beara. Diese Straße windet sich über die weiter südlich liegende, kleinere Halbinsel Beara, und ist noch schmaler und verwundener. Hier ist für große Reisebusse und Wohnmobile kein Durchkommen und auch keine Gewähr.

Also ideales Fahrradterrain. Ich denke an mein daheimgebliebenes Rennrad, und auch an mein Reiserad. Es wird ein nächstes Mal geben. Während dieser Gedanken bei Kaffee und Kuchen im Dorf Ardgroom fällt zuerst eine Gruppe einheimischer Rennradler ein, kurze Zeit später rollen drei deutsche Reiseradler heran. Erstere fassen routiniert die Eckdaten ihrer Runde zusammen und verweisen beifällig auf den Straßenzustand. Letztere kennen die deutschen Straßen und wissen, dass diese auch nicht besser sind. Sie haben sich erst auf Irland kennen gelernt und fahren die heutige Etappe gemeinsam. Die Dame ist aus Wiesbaden über England hier hoch geradelt.

Auf der Karte im Reiseführer plane ich mögliche Routen über die Halbinsel. Der Ring folgt der Küstenstraße und findet über den Pass der N71 zurück zum Ausgangsort Kenmare. Interessant ist die Einbindung des Healy Pass. Dieser quert den Bergkamm und verbindet die Nord- mit der Südküste der Halbinsel. Solch Planung dauert nur ein paar Minuten, doch bräuchte man einfach mehr Zeit, um den Ring dann auch zu fahren...

Mittwoch, 9. April 2014

Brevet heißt Prüfung

Der Grund aller Strapazen des Randonneurs ist die Bewältigung der Herausforderung. Schon die Distanzen der Brevets, geschweige denn die 1.200 Kilometer von Paris nach Brest und zurück, sind für den Unbewandelten nur schwer vorstellbar. Dem erfahrenen Randonneur mag es gelingen, die Herausforderung psychisch zu reduzieren. Dennoch wirbelt das Element des Unbekannten manche akzeptierte Herausforderung durcheinander.

Nun bin ich gegenüber Langdistanzen nicht mehr ganz unbedarft, darin jedoch noch lange nicht erfahren. Nach dem Herantasten vom anstrengenden 200 über die erstaunliche Leichtfüßigkeit der 300 bis zur Grenzerfahrung der 400 Kilometer im letzten Jahr starte ich mit Freude in diese Saison. Nicht länger ist meine größte Angst, keine Gruppe zu finden und alleine durch die Landschaft zu radeln.

So soll es dann auch kommen. Beim Start bin ich nicht aufgeregt und fahre locker los. Am großen Anstieg über den Wagensteig hoch in den Schwarzwald lasse ich es langsam angehen, so dass ich alleine oben ankomme. Hinter mir weiß ich weitere Fahrer. Der Schwarzwald zeigt mir gleich, welch Gewalt er im April noch erzeugen kann. Es ist dunkel, neblig, kalt und nass. Kommt die Nässe zunächst nur von der Straße, setzt dann bei der ersten Abfahrt durch das Urachtal Nieselregen ein.

Am Talende ist die erste Kontrollstelle. Ich lasse stempeln und ziehe mich an. Regenkleidung habe ich nicht dabei, nur eine Windweste. Diese hält den leichten Niesel ab, an Armen und Beinen stört mich die Nässe nicht sonderlich. Nur die Füße: meine Schuhe sind schon nass.

Leicht besorgt ob der Wetteraussichten kurbele ich mit einem weiteren Randonneur das ruhige Sträßchen des Linachtals hinauf. Schauer war erst für den Nachmittag angesagt - nun gut, der Schwarzwald macht was er will. Vielleicht sieht es in der Rheinebene wieder besser aus.

Bis dahin folgen aber erst gut 40 Kilometer Abfahrt. Alleine sause ich die nassen Serpentinen herunter. Mein Körper ist vom Fahren warm, aber die nasskalten Füße bereiten mir Sorgen. Wenn es unten nicht wärmer wird, könnten die Füße heute das Ankommen gefährden.

Als ich zur mittäglichen Kontrollstelle in Endingen am Kaiserstuhl ankomme, ist es schon fast 15 Uhr - beinahe sechs Stunden für 120 Kilometer. Das habe ich wohl den Bergen, aber auch der Nässe zu verdanken. Nach einem viel zu fleischlastigen Lahmacun geht es wieder auf die Strecke, die ab hier 50 Kilometer durch die flache Rheinebene nach Süden verläuft. Die Temperaturen bewegen sich wie erhofft im zweistelligen Bereich, so dass mich meine nassen Füße nicht stören.

Aber die Rheinebene. Auch nach dem Essen fahre ich alleine los, und hier im Gegenwind würde ich so gerne in einer netten Gruppe kreiseln. Zum Wind gibt es den heute schon vertrauten Nieselregen. So ziehe ich mich die schnurgerade Straße entlang und überlege, ob ich Spaß habe. Die Antwort lautet weder Ja noch Nein. Kurz vor dem südlichen Wendepunkt der Strecke laufe ich auf zwei Räder auf, eine Frau und einen Mann. Sie sehen ähnlich gequält aus wie ich. Wir strolchen ein wenig zusammen herum, bis wir von einer Vierergruppe überholt werden. Da hängen wir uns jetzt ran, dann hat die Ebene bald ein Ende.

Hinter der Kontrollstelle in Auggen drehen wir nach Osten, hinein in die Wellen und Rampen des Markgräflerlands. Letztere kenne ich aus Jugendtagen, an denen ich hier mit dem Rad runtergerast bin. Ich kann mich nicht erinnern, sie schon einmal hoch gefahren zu sein. Diese Bekanntschaft steht nun also an. Bei der ersten Rampe lasse ich die Gruppe schon wieder ziehen. Meine Knie machen sich bemerkbar; diese hatten mich noch nie beim Radfahren gestört. Vielleicht die nasse Kälte?

Die Dame und ich drücken uns über die Hügel. An den Bergen ist sie jetzt schneller als ich, dafür verhelfe ich ihr auf den Abfahrten und Flachstellen zu mehr Geschwindigkeit. Ab Badenweiler kenne ich die Strecke bis Freiburg im Schlaf, und mit diesem psychologischen Rückenwind kommen wir schnell zum Ziel.

213 Kilometer liegen hinter mir, den Großteil davon bin ich alleine gefahren. Ab dem Eintauchen in den Schwarzwald hat es den ganzen Tag genieselt. Mal schwächer und mal heftiger. Obwohl ich versucht habe, meine Pausen kurz zu halten, bin ich nicht schneller unterwegs gewesen als im letzten Jahr. Die "Kurzstrecke" der Randonneure ist eben auch schon eine Herausforderung. Zumal auf einer steigungsreichen Strecke mit über 2.500 Höhenmetern.

Die eigentliche Prüfung des Tages aber war für mich das Wetter. Das französische Wort "Brevet" bedeutet ja übersetzt auch Diplom.

Montag, 3. März 2014

"Wintertour"

Die Abendsonne scheint, kurzes Trikot, warme Luft umwabert die Haut auf Armen und Beinen. Die Reifen surren auf dem trockenen Asphalt. Im Anstieg läuft der Schweiß unter dem Helm hervor, und in der Abfahrt wird er vom Fahrtwind zerstäubt.

Im Sommer ist Rennradfahren ein Genuss. Niemand kommt im Winter auf die Idee, sich ein Rennrad zuzulegen und loszufahren. Hat man aber einmal damit angefangen und Gefallen daran gefunden, beginnt man über den Zyklus der Jahreszeiten nachzudenken. Der Frühling bietet ganz neue Reize, auch wenn es frühmorgens an den Fingern schon mal empfindlich kalt werden kann. Ein Herbsterlebnis in der Pfalz mit seiner Farbenpracht und seinen Gerüchen empfehle ich wärmstens. Und der Winter?

Erst 2013, in meinem beginnenden sechsten Rennradjahr, denke ich ernsthaft über Wintertouren nach. Die Anforderungen an die Klamotten sind größer als sonst, da man genauso viel schwitzt, aber viel schneller friert. Hände und Füße stellen ein scheinbar unlösbares Problem dar. Aber die Saison der Randonneure beginnt früh - in Norddeutschland erstaunlicherweise noch früher als im Süden. Dort kann man Anfang März schon mal mit etlichen Minusgraden und Schneeverwehungen kämpfen. Wann soll man da anfangen zu trainieren?

Echte Randonneure fahren den Winter einfach durch. Nach meinen ersten winterlichen Gehversuchen im letzten Jahr stehe ich an diesem Sonntagmorgen neben meinem Rad. Den halben Winter in Australien rumgebracht, sämtliche Grundausdauer verflogen. Dennoch, die Sonne kündigt sich an, das Thermometer zeigt 9 Grad, im Tagesverlauf wird es wohl noch wärmer. Dieses Jahr kann ich kaum ernsthaft über eine Winterradtour schreiben.

Im Morgenlicht fahre ich über den Ring und die Brücke nach Ludwigshafen, das ich nur Sonntags freiwillig mit dem Rad durchquere. Meine Lichtanlage habe ich vorsichtigerweise eingeschaltet, als ich auf der zweispurigen Ausfallstraße an der BASF vorbeirausche. Gebaut für Nachtfahrten ohne jegliche Straßenbeleuchtung, dient sie mir gelegentlich auch als Tagfahrlicht. Angetrieben wird die Lichtanlage von einem Nabendynamo, der keinen spürbaren Widerstand erzeugt.
Hinter Worms erreiche ich die alte B9, eine flache Rollerstrecke mit wenig Verkehr, der auf die neue B9 weiter östlich ausgelagert ist. Am Rand der Weinberge fühlt sich die Sonne nach Frühling an, und ein netter Rückenwind schiebt mich in der Ebene nach Norden.

Erst zwei Mal saß ich dieses Jahr auf meinem Pinarello. Dabei habe ich mir zu Weihnachten einen Ledersattel montiert, der mir auf langen Touren angenehmes Sitzen garantieren soll. Früher sind alle Rennradfahrer auf Leder gesessen, bis der Leichtgewichtswahn Einzug erhalten und die Sättel durch Carbonplatten verdrängt wurden. Meinen neuen Sattel möchte ich heute ein paar Stunden einsitzen.

Heute möchte ich 130 Kilometer fahren, größtenteils flach. Um dennoch meine Beine zu testen, biege ich kurz vor Oppenheim, wo sich der Rhein mit seinem linken Ufer bis an die Weinberge heranschiebt, scharf nach links ab. Wellige Hügel lassen mich die Freude an höhenmeterreichen Sommertouren erahnen, und eine schnelle schnurgerade Abfahrt belohnt die kurze Kletterleistung. In Nierstein, zurück am Rhein, habe ich schon über die Hälfte der Strecke geschafft und vertilge zwei Riegel.

Nun drehe ich gegen den Wind. Für die Rückfahrt nach Mannheim habe ich mir den Rheinradweg ausgesucht, den ich zwischen Mainz und Worms noch nicht kenne. Diese Idee wird, wie fast jede Entscheidung für einen Radweg, sofort bestraft. Wegen umfangreicher Deichausbesserung ist der Weg unter einer matschigen Schlammschicht komplett verschwunden, oder durch diese ersetzt worden. Gutgläubig wie ich bin - "wird nur ein Kilometer sein" - balanciere ich eine gute halbe Stunde lang durch den Morast.

Der Radweg wird etwas besser, und sporadisch wechsele ich auf Straßen. Nach dem Matschkampf und mit dem Gegenwind spüre ich Erschöpfung aufkommen. Durch Industrieanlagen rolle ich am Rhein in Worms ein. Es ist schon nach zwei Uhr, und das entfallene Mittagessen meldet sich. Ich biege auf den Parkplatz von einem Burger-Schnellrestaurant ein. Fast 110 Kilometer habe ich hinter mir, aber bis Mannheim möchte ich nicht auf Reserve fahren. Vor dem "Restaurant" treffe ich auf zwei Beinahe-Randonneure, mit denen ich mich in der späten Mittagspause austausche. Klaus scheint dieses Jahr seinen ersten Brevet bestreiten zu wollen. Bon Courage!

Ich steige wieder auf meinen unauffallend bequemen Sattel meines schlammverkrusteten Rennrades. Durch die Pause bin ich ausgekühlt, und es dauert ein paar Kilometer bis das leichte Zittern von mir abfällt. Die Radnabe surrt nun öfter, da ich nicht permanent in die Pedale trete. Die Kette rasselt nach der Entfettung im Schlammbad, und das Rad sehnt sich nach Pflege.

Nach guten sieben Stunden bin ich wieder zu Hause. Die erste Langstrecke des Jahres ging unaufgeregt über die Bühne. Ich bin zufrieden mit dem astrein genutzten Frühlingstag, und dem erfolgreichen Satteltest.

Montag, 27. Januar 2014

Krönung in den Vogesen

Aus heimatlicher Verbundenheit möchte ich einen Brevet in Freiburg fahren. Darüber hinaus habe ich viel über die Strecken gelesen, die von Urban Hilpert ausgetüftelt werden. Durch meinen kurzfristigen Entschluss, dieses Jahr in die Randonneurszene einzusteigen, lässt meine Planung nur den 400er in Freiburg zu, und das auch nur, indem ich Claudia für dieses Wochenende versetze.

So finde ich mich am Morgen des 18. Mai in Kirchzarten hinter Freiburg ein. Mitgebracht habe ich mein treues Rennrad, ausgestattet mit geliehenem Nabendynamo-Vorderrad und nagelneuem Scheinwerfer. Die Beleuchtung wird notwendig sein, denn 400 Kilometer bewältigen nur sehr schnelle Randonneure im natürlichen Licht eines Tages. Die Lenkertasche ziert ein wasserdicht verpackter Ausdruck des Streckenplans. Zwar habe ich ein GPS-Gerät am Lenker, das mir die Strecke auf einer kleinen Karte anzeigt. Ich möchte mir jedoch nicht ausmalen, was ein Technikausfall bedeutet, wenn ich alleine über verlorene Landstraßen schleiche. In dem Fall sagt mir der Plan noch zuverlässig, wo ich abbiegen muss. Zusätzlich zur Lenkertasche habe ich eine große Satteltasche montiert, um Regenzeug unterzubringen. So mische ich mich unauffällig unter die etwa achtzig angerückten Randonneure, die sich zu einem sagenhaften Frühstück treffen und dem Start entgegen fiebern.

Einen Streckenplan lesen will auch gelernt sein
Um acht Uhr geht es los. In einer langen Zweierreihe geht es an Freiburg vorbei bis zum Geiersnest. Eine kleine Gemeinheit, auf den ersten zwanzig Kilometern gleich fünfhundert Höhenmeter einzubauen, die aber mit einem wunderbaren Ausblick auf das belohnt, was uns heute bevorsteht: die Vogesen.

Die 200 Kilometer in Köln waren höhenmeterreich, aber doch relativ schnell vorbei. Die 300 Kilometer zur Ostsee waren flach, hin und wieder gab es steile Rampen. Aber die Vogesen sind eine andere Nummer. Das Höhenprofil zeigt ein halbes Dutzend Zacken an, insgesamt soll ich fast 5.000 Höhenmeter hochklettern. Darunter richtige Pässe und Gipfel, mehrmals geht es über 1.000 Meter Höhe.

In Scharen stürzen wir uns hinab in die Rheinebene. Auf dem Weg zur französischen Grenze hefte ich mich an eine Gruppe von fünf Radfahrern. Ja, ich habe Angst vor einer Alleinfahrt. Der Gedanke an mehrere Hundert Kilometer ohne den geringsten Windschatten lässt mich an dem gesamten Konzept zweifeln. Dabei spricht das Regularium des französischen Dachverbands Brevets Randonneurs Mondiaux explizit davon, dass ein Randonneur in der Lage sein muss, einen Brevet im Zweifelsfall ganz alleine zu meistern. Ich betrachte mich als Anfänger und wähne mich in einer Art Narrenfreiheit.

Wir legen ein gutes Tempo vor, rollen beim Atomkraftwerk Fessenheim über den Rhein und donnern den Vogesen entgegen. Da überholt uns ein Zug von gut dreißig Radfahrern, der sich allerdings am unmittelbar folgenden Anstieg zum Col d'Amic in seine Bestandteile auflöst. Nun geht es also los. Ein schmales asphaltiertes Sträßchen schlängelt sich den Berg hoch. Der Wald wechselt sich mit Lichtungen ab, die den Blick in die sonnendurchflutete Rheinebene freigeben. Der Anstieg hat es in sich, unsere Strecke lässt aber den Gipfel des Grand Ballon aus. Es scheint der erste warme Tag des Jahres zu sein, und ich fahre kurzärmlig, was in diesem durchwachsenen Frühling schon eine Ausnahme darstellt. Kaum geht es in die Abfahrt, überkommen mich immense Glücksgefühle und ein paar Freudentränen rollen unter meiner Sonnenbrille hervor.

Im Tal füllen wir unsere Wasserflaschen auf, und schon geht es in den nächsten Anstieg, den Col du Hunsrück. Hier feuerte der Legende nach Udo Bölts auf einer Etappe der Tour de France seinen Teamkapitän Jan Ulrich mit den Worten "Quäl' Dich Du Sau!" an. Derartige Aufmunterung brauche ich noch nicht, und so ist auch dieser Pass bald geschafft. Doch zeichnen sich hier die Kräfteverhältnisse ab, die in unserer kleinen Gruppe herrschen: ich komme als letzter oben an.

Auch hier folgt eine wunderschöne Abfahrt, die bis Belfort jedoch noch von der einen oder anderen Unebenheit garniert wird. In Belfort fahren wir zur Touristeninformation, um uns unseren ersten Stempel abzuholen. Bisher mussten wir am Geiersnest unsere Durchfahrt mit einer Lochzange selbst nachweisen, und am Col d'Amic gab es eine Kontrollfrage, deren Antwort auf der Passhöhe zu finden ist, und die wir in unsere Kontrollkarten eingetragen haben. In Belfort bin ich erschöpft und überlege, ob ich die Gruppe ziehen lasse und eine Weile alleine weiter fahre. Durch das Angebot eines Supermarktstopps - es ist Mittagszeit - lasse ich mich zur Weiterfahrt überzeugen.

Unsere Gruppe ist bunt zusammengewürfelt. Bernhard scheint den Ton anzugeben. Höflich erkundigt er sich, wie wir uns die Mittagspause vorstellen, gibt aber die Marschrichtung vor: "Es ist schön hier, und es gibt sicher gute Drei-Gänge-Menüs. Aber ich bin nicht zum Rasten hier; ich will fahren." Er mag wohl um die sechzig sein und blickt auf viele Brevets zurück. Auch die anderen haben viel Erfahrung. Matthias kommt aus Frankenthal, quasi bei mir aus der Nachbarschaft. Auch er ist schon Paris-Brest-Paris gefahren. Ich bin der Jüngste in der Gruppe.

Auch die Räder unterscheiden sich. Bernhard setzt wie ich auf ein Rennrad, während Matthias sein Pendlerfahrrad lenkt. Ein weiterer Mitfahrer fährt einen klassischen Stahlrahmen, ein leichtes Langstreckenfahrzeug mit Lichtanlage und Schutzblechen, aber ohne unnötige Gepäckträger. Letztendlich beschäftigt sich jeder mit dem Kompromiss aus Geschwindigkeit und Bequemlichkeit.

Nach der immerhin einstündigen Mittagspause geht es dem Dach des Brevets entgegen, dem Ballon de Servance. Der Anstieg verläuft entlang eines Bächleins auf einer geteerten Forststraße mitten durch den Wald. Mitunter ist es recht steil, und ich komme aus dem Tritt. Zweimal steige ich ab und schiebe ein paar Meter. Meine Schwester hat mir am Vorabend angeboten, mich an jedem Ort und zu jeder Zeit abzuholen, sollte ich nicht weiter kommen. Ich verscheuche den Gedanken.

Dann ist auch dieser Anstieg bewältigt, immerhin der vierte an diesem Tag, und auf dem Gipfel warten schon alle auf mich. Sie wollen weiter, immerhin haben die ihre Pause schon gehabt. Die Abfahrt ist extrem wellig, so dass es einen bei schneller Schussfahrt schon mal aus dem Sattel hebt. Das trägt nicht zur Erholung bei, wie ich sie von einer Abfahrt erwarte. Der Gedanke, mich von meiner Schwester abholen zu lassen, rückt wieder in den Vordergrund. Zwar habe ich erst die Hälfte der Strecke geschafft, aber die vielen Pässe und Höhenmeter hatte ich deutlich unterschätzt. Wieder kommen mir ein paar Tränen, dieses Mal aus Verzweiflung. Ich beschließe in meiner Erschöpfung, sie in Luxeuil-les-Bains anzurufen und mich abholen zu lassen.

Mit diesem Beschluss ist mir auf einmal leichter zumute. Bis Luxeuil-les-Bains geht es etwa zehn Kilometer lang seicht bergab, und der Windschatten der Gruppe verwandelt die Straße in eine echte Rollbahn. Luxeuil-les-Bains ist der westlichste Punkt der Tour, und bis dort haben wir die Vogesen überquert, 220 Kilometer abgesuplt, und einen Gesamtanstieg von etwa 2.500 Höhenmetern geleistet. Es geht auf acht Uhr zu, und das Gesprächsthema ist mal wieder das Essen. Bei der nächsten Pizzeria halten wir und machen Pause mit ein oder zwei Panaché. Kein Gedanke gilt mehr dem Aufgeben.

Die Stimmung ist klasse. Ab und zu kommen ein paar Randonneure vorbei, die nach Essen und einem Stempel suchen oder sich zur Weiterfahrt bereit machen. Schon am Ballon de Servance ist mir ein Trio aufgefallen, das offensichtlich aus Mutter, Vater und Sohn besteht. Dort hatte die Mutter einen Platten, und nachdem ich Vater und Sohn oben Bescheid gegeben hatte, sind die beiden gleich zu ihr gefahren und haben zusammen den Reifen geflickt. Sie fahren den ganzen Brevet gemeinsam.

Wir machen uns fein für die Nacht. Das bedeutet im Sprech der Randonneure, die Lichtanlage anzuwerfen, sich wärmer anzuziehen, und die obligatorische Warnweste überzustreifen. In Frankreich ist diese für Radfahrer nachts Vorschrift, und sie wird in der Brevetszene auch international getragen. Um kurz vor zehn Uhr sind wir bereit und meine erste Nachtfahrt beginnt.

Und die Nachtfahrt ist fantastisch. Die Dämmerung verwandelt sich in Dunkelheit, und wie an einer Schnur aufgereiht gleitet unsere Kolonne über die kurvenlosen Landstraßen im Franche-Comté. Konzentration und Navigation werden langsamer und wir neigen zu kleinen Fehlern, dennoch finden wir bald zu einem neuen Rhyhtmus. Mehr als ein Auto je Stunde bekommen wir nicht zu Gesicht. Die Dunkelheit hellt sich bei Passieren der Dörfer durch Straßenlaternen etwas auf, aber die Häuser liegen schlafend da. In einem Dorf verwirren wir mit unserer reinen Anwesenheit ein paar Trunkenbolde, die gerade eine Party in einem Privathaus verlassen und auf der Straße herumtorkeln. Sonst herrscht Stille. Ein paar Tiere kann ich hören, ein paar Reifen- und Kettengeräusche vor und hinter mir, manchmal einen Bach.

Hinter Remiremont beginnt der finale Anstieg über den Vogesenhauptkamm. Was wir auf dem Hinweg überquert haben, müssen wir auch zurück wieder bewältigen. Noch ein kapitaler Pass steht mir bevor, dann folgt eine langgezogene Abfahr und gut siebzig Kilometer Ausrollen bis nach Freiburg.

Wie im zweiten Teil des Hamburg-Brevets finde ich einen harmonischen Rhythmus. Unsere Gruppe verteilt sich wieder, wie bisher bei jedem Anstieg. Und überraschenderweise fahre ich mit den Schnelleren den Berg hinauf, als habe ich erst bei fast 300 Kilometern meine Form gefunden. Ich fühle mich nicht überragend fit; im Nachhinein betrachtet habe ich wohl zu wenig gegessen. Aber ich hinke nicht hinterher.

Die Ankunft bei der Auberge du Col du Bonhomme ist magisch. Mich durchfährt ein Schauer, als wir um halb drei Uhr Nachts unter Sternen auf dem 1.000 Meter hohen "Pass des Gutmenschen" ankommen. Die Herberge hat schon geschlossen, aber es herrscht reges Treiben. Ankommende Randonneure kleben sich die bereitliegenden Aufkleber in ihre Heftchen, Abfahrende ziehen sich ihre wärmste Bekleidung an. Die wohltuende Wärme über das Wissen, alle Anstiege gemeistert zu haben, kämpft mit der nächtlichen Frühlingskälte, die über dem Gebirge liegt.

Nun folgt eine dreißig Kilometer lange Abfahrt in die Rheinebene, bei der wir die gesammelten Höhenmeter vernichten. Sonst ist der Col du Bonhomme bei Radfahrern unbeliebt, weil sich der motorisierte Verkehr über die gut ausgebaute Passstraße schiebt. Jetzt liegt sie still unter uns, wie wir unseren Geschwindigkeitsrausch auf ihr genießen. Ich habe Regenjacke und -hose angezogen, aber keine langen Handschuhe dabei. Dies bremst meinen Rausch etwas, so dass ich als letzter unten ankomme. Meine erste Passabfahrt in umfassender Dunkelheit liegt hinter mir.

Wir rollen über die Pflastersteine der historischen Altstadt von Kaysersberg, in der tagsüber vor lauter Touristen mit dem Fahrrad kein Durchkommen ist. Es ist schon ein Anachronismus, dass wir hier fahren können. Wir fahren beeindruckt weiter. Über französische Landstraßen geht es zum Rhein, wobei die Geschwindigkeit immer weiter nachlässt. Ab und zu kann ich mir ein leises Stöhnen oder einen Seufzer nicht verkneifen. Bis hierher zu kommen hat einiges an Kraft gekostet, ich bin an meine Grenzen gekommen.

Wir legen noch eine Pause ein und sammeln unsere psychischen Kräfte, um in den Endspurt zu gehen. Bei Breisach geht es über den Rhein und wir sind wieder auf deutschem Boden. Ein paar Ausläufer des Kaiserstuhls liegen noch auf unserem Weg, dann erreichen wir Freiburg und die Dreisam. Wir schleichen im sonntäglichen Morgengrauen den Dreisamradweg hinauf. Einige Frühaufsteher auf Fahrrädern überholen uns. Leider müssen wir flussaufwärts fahren, und bis zum Ziel in Kirchzarten sind auf diese Weise noch einige Höhenmeter zu überwinden.

Dann haben wir es auf einmal geschafft. dreiundzwanzigeinhalb Stunden nach unserer Abfahrt sind wir wieder am Zeltplatz angekommen und betreten die Gaststube. Eine lange Tafel ist voll besetzt mit Randonneuren, die 400 Kilometer hinter sich gebracht haben. Es gibt eine warme Mahlzeit und ein Bier dazu, ungeachtet der Uhrzeit. Ich setze mich, bin jedoch zu keiner Unterhaltung fähig. So verabschiede ich mich, packe mein Rad ins Auto, fahre zum Haus meiner Eltern und lege mich schlafen.

Gegen Mittag wache ich wieder auf und fühle mich großartig. Ich habe erstaunte Zuhörer, die nach anfänglicher Unglaubigkeit Anerkennung zeigen. Natürlich bin ich auf das Geleistete stolz. Doch das Wichtige ist für mich, auf welchem Weg ich diese Leistung erbringen konnte. Unter Aufbietung ungekannter Kräfte und Schwächen, getragen von riesigen Glücksgefühlen. Und ich habe keinen Schaden davongetragen. Noch bis zum Nachmittag bemerke ich meinen überhöhten Pulsschlag, bis er sich normalisiert. Meine Arme, Beine, Nacken, Rücken fühlen sich gut an. Lediglich beim Abendessen halte ich nicht lange durch und gehe früh zu Bett.

Die Langstrecke hat es mir wohl angetan. Stressfreies dahingleiten, der Genuss wunderbarer Landschaften, neue Bekanntschaften, und neuentdeckte Wesenszüge meiner Selbst.

Gerne gestehe ich, dass ich nicht sofort an die nächste Stufe, die 600 Kilometer, gedacht habe. Terminsachen haben mir die innere Konfrontation abgenommen, den nächsten Brevet im Juni anzugehen. Nun konzentriere ich mich auf die bevorstehende Saison, die im April 2014 startet.

Samstag, 18. Januar 2014

Zur Ostsee und zurück nach Hamburg

Alleine sitze ich im Zug nach Hamburg. Geplant hatte ich ein Berlin-Wochenende, doch die Gelegenheit auf die 300 Kilometer führte zu einer kleinen Planänderung. Morgen am 1. Mai werde ich von Hamburg-Norderstedt aus den Brevet zur Ostsee fahren, und am Tag darauf geht es für das verlängerte Wochenende nach Berlin. Vom Dammtor nehme ich die S-Bahn nach Norderstedt, rolle zum Hotel und gehe gleich zu Bett.

Mein Wecker geht um sechs Uhr, das Rad steht bereit; ich mache mich fertig, gehe frühstücken und fahre rüber zum Startort. Gleißendes Licht verspricht einen kalten klaren Sonnentag. Der Start befindet sich auf dem Firmenparkplatz vom Pharmakonzern Johnson & Johnson. Dort treffen sich an diesem Mittwoch eine Handvoll Randonneure zu einer Ausfahrt an die Ostsee. Neben einigen Rennrädern sind auch ein Liegerad und ein Velomobil zu sehen. Um 8 Uhr geht es los.

Bis auf die Liegeradfahrer bleiben zunächst alle im Pulk beieinander. So geht es in dynamischer Zweierreihe raus auf's Land: vorne sind immer zwei im Wind, die sich dann jeweils nach links und rechts zurückfallen lassen und die Führung weitergeben. Das Tempo ist hoch, und langsam verkleinert sich die Gruppe. Die Ortschaften, die wir durchqueren, werden kleiner, die Strecken dazwischen länger, die Straßen frei von Autos.

So rasen wir der ersten Kontrollstelle entgegen. Nach dem Stempeln gibt es eine Steilvorlage: ein Autofahrer fragt mich, wo wir denn heute hinfahren - "zur Ostsee und zurück nach Hamburg!" Die anderen haben schon wieder aufgesattelt und sind losgesprengt. Ich hinterher und finde mich mit vier Randonneuren zu einer Gruppe zusammen, mit der ich heute abend gemeinsam wieder in Hamburg eintreffen werde.

Mit etwas gemütlicherer Geschwindigkeit rollen wir der Ostsee entgegen: An Kiel vorbei kommt sie erstmals in Sicht. Die Route führt bei Laboe kurz runter zum Strand, dann ein paar Meter auf einem Sandweg entlang, und schon geht es wieder ins Inland durch die Holsteinische Seenlandschaft. Auf dem Weg verlieren wir bereits einen unserer Mitstreiter.

Dann kommt mein Tiefpunkt des Brevets, erstaunlicherweise bei der gleichen Distanz wie schon im Bergischen Land um Kilometer 150. Obwohl ich gut gefrühstückt und mich mit Riegeln und einem Salamibrot versorgt habe, fühlen sich meine Beine vollkommen kraftlos an. Ohne langes zögern signalisiere ich den verbliebenen drei Randonneuren, dass ich mich ausklinke, und wehre deren Versprechen bezüglich der nahenden Mittagspause ab. Es ist schon nach eins, und dort drüben winkt ein Biergarten. Immerhin schon die Hälfte geschafft.

Kaum stehe ich vor dem Biergarten, kommt der Kollege vorbeigerollt, der sich vorher ausgeklinkt hat. "Häng' Dich ran" ruft er, und schon bin ich wieder auf dem Rad. Meine Hoffnung auf angepasste Geschwindigkeit erfüllt sich nicht vollständig, und ich habe Mühe in seinem Windschatten zu bleiben. Auch kommt an diesem Stück der einzige leichte Gegenwind auf, dem ich an diesem Tag begegne. Noch 15 Kilometer, dann sind wir an der nächsten Kontrolle in Hohwacht, dort gibt es Mittagessen.

Irgendwie gehen die Kilometer und Minuten vorbei, bis wir das zweite Mal die Ostsee sehen. Doch dafür habe ich gerade keine Augen - ich sehe nur die Fischbude, auf die wir schnurstracks zusteuern. Dort sitzen auch die anderen drei. Ich atme zwei Matjesbrötchen und zwei Cola weg, und nach einer Sitzpause fühle ich mich wieder großartig! Das ist also das Tief beim Brevet, dessen Umgang man erlernen muss. Vielleicht ist meine persönliche Lösung gutes Essen? Noch ist eigentlich keine Matjeszeit, aber in meiner Erinnerung wird eine delikate Mahlzeit zurückbleiben. Den Stempel für die Kontrollkarte bekommen wir übrigens direkt an der Fischbude - die kennen das schon.

Wieder vereint, satteln wir die Räder. Und ich presche vorne weg und ziehe alle durch die hügelig anmutende Holsteinische Schweiz. Unglaublich, wie gut ich wiederhergestellt bin. Zum Nachmittag gibt es die dritte Portion Ostsee, diesmal beim Timmendorfer Strand. Die erfahrenen Randonneure wissen, bei welcher Tankstelle man schnell einen Stempel, einen Kaffee oder Kakao und einen Schokoriegel bekommt. Nun geht es also zurück nach Hamburg. Zweihundert Kilometer habe ich geschafft, so viel wie vor drei Wochen im Bergischen Land. Ich bemerke, dass nur noch hundert Kilometer vor mir liegen.

Beim zweiten Mal schon Routine
Auf dieser Strecke erahne ich, was einen Brevet ausmacht. Ich komme ich einen meditativen Tritt, in dem Zeit und Distanz unwichtig werden. Den Blick auf den Tacho sollte ich mir abgewöhnen, und auch das ständige prüfen der Uhrzeit bringt mich nicht voran. Trotz der heterogenen Kräfteverteilung in unserem kleinen Peloton herrscht eine richtig freundliche Stimmung vor, von der alle zehren können. Auch das zweimalige Reifenflicken kann uns nicht aufhalten. Auf einer Anhöhe sehen wir links von uns Lübeck im Abendlicht.

Diese meditative Stimmung verfliegt jedoch plötzlich, als wir uns den Toren Hamburgs nähern. Die zwei schnellen Fahrer bekommen wohl Heimweh; jedenfalls treten sie noch mal so richtig rein. So wird auch mal eben die Nebenstraße durch die Hauptstraße getauscht, und so rasen wir zurück zum Ausgangspunkt. Um viertel vor neun holen wir unsere Stempel beim Nachtpförtner ab. Im Betriebskasino bekomme ich eine Medaille, einen Teller Pasta und ein Hefeweizen. Ein tolles Gefühl macht sich breit, zu dem sich auch schnell die Müdigkeit gesellt.

Mittwoch, 8. Januar 2014

Erste Schritte zum Randonneur

In den letzten Nächten war ich mir nicht sicher, ob es klappen würde. Habe ich mir zu viel vorgenommen? Meine Form ist ganz passabel, seit Mitte März kann ich mich zum Radfahren aufraffen. Hundert Kilometer halte ich gut durch, mit mehr habe ich kaum Erfahrung. Meistens habe ich aufgehört, wenn sich Hände, Hintern oder Rücken bemerkbar machten. Gut eingeteilt, sollte auch eine längere Beanspruchung möglich sein.

Lässt sich die Herausforderung gemeinsam mit Claudia erreichen? Dieses Frage kam kurzfristig dazu. Ich hatte Claudia von meinen Plänen erzählt und sie gefragt, wie sie darüber denkt. Dass sie sich dann aber eine Woche vorher noch anmeldet, hatte ich nicht gedacht. Nun geht es also nicht mehr nur um mein Durchhaltevermögen, sondern auch um ihres. Meine Gedanken wandeln nicht um meine eigene, sondern um die Vereinbarkeit unserer beider Ausdauer. Brauchen wir eine Taktik? Unsere Abmachung besagt, dass wir zusammen bleiben, solange keiner aufgibt. Das kommt auch gar nicht in Frage: unbestritten ist Claudia fit genug, um die Fahrt körperlich durchzuhalten. Wir fahren gemeinsam.

Das präparierte Pinarello vor dem Mannheimer Schloß
Wir sitzen im Zug nach Bonn. Meine morgige Herausforderung ist mein erster Brevet. Die Vorgabe dieses Brevets sind 200 Kilometer, der Startort ist Troisdorf zwischen Köln und Bonn. Noch nie bin ich an einem Stück so weit gefahren.

Früh aufstehen heißt es an diesem zweiten Aprilsamstag, um acht Uhr soll es losgehen. Am Start gibt es Randonneure und ihre Räder zu bestaunen. Wir bekommen unsere gelben Stempelkarten ausgehändigt und warten bis alle da sind. Wir rollen mit der zweiten Startgruppe los, die aus etwa 30 Fahrern besteht, und schieben uns unaufgeregt über die ersten Kilometer. Vorne zieht das Tempo langsam an, die Gruppe zerstreut sich. Wir bleiben bei den schnelleren, doch als der erste Anstieg kommt, zersprengt sich auch dieser kleine Haufen. Das auf dem Asphalt liegende Regenwasser setzt Schmutz im Getriebe an, doch von oben bleibt es trocken.

Auf ebenen Straßen sammeln wir erst einen und dann einen zweiten Fahrer auf, die wir hinter uns anheften. Es läuft, und ich ziehe uns durch die ersten Anzeichen des Bergischen Lands. Claudia und ich treten flott die Hügel hoch, und in leichtem Auf und Ab geht es nach Wermelskirchen zur ersten Kontrollstelle. Die Dame an der Tankstelle stempelt, unterschreibt und notiert die Uhrzeit auf unseren Kontrollkarten. 55 Kilometer geschafft!

Einen Riegel gegessen und ausgestattet mit frischen Getränken ziehen wir zu zweit weiter. Das Auf und Ab setzt sich fort. Wir wissen, dass an der zweiten Kontrollstelle in Lüdenscheid die Hälfte geschafft ist, und dass dort eine Pizzeria auf uns wartet. Der Anstieg nach Lüdenscheid auf einer ruhigen Straße bietet viel fürs Auge, aber auch viel für die Beine. Unter dem weiterhin grauen Himmel steigen wir an der Pizzeria direkt gegenüber der Tankstelle ab. Ganz nach Plan bestellen wir uns Pizza und Pasta und pausieren. Die 100 Kilometer sind nicht spurlos an uns vorbei gegangen, aber wir sind zuversichtlich, dass wir weiter können. Wir rollen rüber zur Tankstelle und holen unsere verdienten Stempel ab. Dann geht es weiter: Der geographische Höhepunkt des Brevets steht kurz bevor.

Kurz nach Lüdenscheid kommt die von Organisator Rainer Paffrath angekündigte Umleitung wegen einer Brückensperrung. Sie erklimmt den "Berg" von der anderen Seite, und von dort zeigt das stetige Auf und Ab des Höhenprofils tendenziell nach unten. Nach dem Anstieg beginnen meine Beine sich über die angesammelten Höhenmeter zu beschweren. Die vielen kleinen Hügel fordern ihren Tribut, auch Claudia ist nicht mehr so flott unterwegs. Größtenteils fahre ich vorne. Dass die nächste Kontrollstelle schon bei Kilometer 135 in Drolshagen liegt, gibt uns einen Motivationsschub. Am Ortseingang an der nächsten Tankstelle heißt es stempeln, essen, trinken. Dort treffen wir endlich wieder auf einen Randonneur. Er ist mit seinem Ersatzrad unterwegs und fährt damit nach eigener Aussage "langsam". Man sieht ihm seine Brevet-Erfahrung geradezu an. Zu dritt rollen wir weiter.

Wir sind endlich nicht mehr zu zweit unterwegs, und wir haben schon viel geschafft. So lange sind wir noch nie an einem Tag mit dem Rad gefahren. Doch nun kommen allerlei Wehwehchen zusammen. Hintern, Rücken, Hände, Füße würden gerne pausieren. Das Tempo sinkt merklich, und bis zum Ziel ist keine Kontrolle mehr in Sicht. Immerhin kommt die Sonne raus, und die Temperaturen steigen auf zweistelliges Niveau. Claudia und ich beschließen, noch eine Pause einzulegen; bei Kilometer 165 lassen wir unseren Mitstreiter ziehen. Ein schwerer Schritt, doch der ruhiger werdende Körper belohnt die Entscheidung sofort. Noch ein paar Salzbrezeln, Riegel, Getränke.

Es ist nicht mehr weit, und wir haben keine ernsthaften Beschwerden. Also weiter. Spaß macht es nun aber nicht mehr. Ich ziehe mich und Claudia über die Hügel, und auch in der Ebene wollen die Beine nicht mehr so richtig. Ich versuche mich auf das Vorüberziehen der schönen Landschaft, der sauerländischen Dörfer und Höfe zu konzentrieren, doch die Luft ist raus. Auf dieser Straße sind wir heute morgen in Gegenrichtung gefahren, zum Ziel ist es also nicht mehr weit.

Um 19 Uhr kommen wir an, 11 Stunden waren wir unterwegs. Mir scheint, dass alle anderen vor uns angekommen sind, wir treffen auch den Randonneur von der dritten Kontrollstelle wieder. Rainer bestätigt unsere Ankunft und erzählt, dass noch zehn Fahrer unterwegs sind. Erst mal eine Apfelsaftschorle, und ich bin erstaunt, wie schnell die Erschöpfung von uns abfällt.

Der Abschied geht schnell: Claudia möchte den nächsten Zug nach Mannheim bekommen, also holen wir unsere Rücksäcke und steigen für drei Kilometer zum Bahnhof noch einmal auf die Räder. Claudia sagt: 200 Kilometer sind genug. Ich sage: Mehr!

Freitag, 3. Januar 2014

Programmansage

Ich bin wieder zu Hause. Zweieinhalb Monate Melbourne sind vorüber, so wie Weihnachtsbesuche in Freiburg und München. Seit ein paar Tagen entspanne ich mich in Mannheim, bis mich nächste Woche mein Büro erwartet.

Meine Dissertation ist während der Zeit an der University of Melbourne gewachsen, die Schritte bis zur Abgabe sind sichtbar. Meinen Lesern verheimliche ich nicht, dass der Aufenthalt in Australien nicht nur aus Forschung bestand, sondern mir darüber hinaus viele Erlebnisse beschert hat. Unvergesslich wurde die Zeit aber durch den perfekten Ausgleich von Arbeit und Freizeit, wie ich ihn seit jeher anstrebe. Die Struktur der Arbeitswochen war vorgegeben und bildete das Grundgerüst für die zweieinhalb Monate. Urlaub war damit ausgeschlossen. Die Wochenenden haben Claudia und ich dafür ausgereizt. Auf einen begrenzten Zeitraum funktionierte das sehr gut, weil wir eben nicht im Alltag und dafür zu Besuch in einer wunderbaren Welt waren.

Erlebnisse prägen die Erinnerung. Was ich mit Begeisterung verfolge, worauf ich meine Energie konzentriere und was ich mit Freude betreibe, das wird mir bleiben und davon kann ich zehren. Die Erlebnisse in Australien sind Gegenstand meiner Artikel geworden. Nicht das Alltägliche, sondern das Außergewöhnliche habe ich aufgeschrieben. Unter dem Gesichtspunkt werde ich dieses Blog weiterführen. Nun bin ich jedoch wieder im Alltag angelangt, und nicht jede Woche wird Außergewöhnliches geschehen. Wir werden sehen.

Ist das Klettern für mich eine Neuentdeckung, so bin ich doch schon seit vielen Jahren dem Fahrradfahren verfallen. Während der Schulzeit habe ich meine Freunde auf den Dörfern mit dem Rad besucht und bin mit ihnen nachts in Dorfdiskos gefahren. Zwei Jahre als Autofahrer haben das Rad zeitweise verdrängt. Dann hat der BMW aufgegeben und ich habe mein Specialized Crossroads wieder fit gemacht und nach Berlin gebracht. Nächtliche Fahrten quer durch die Stadt haben dort beträchtliche Touren ausgemacht. Während meiner Diplomarbeit im Rheinland hat mir Gesine ein Rennrad geschenkt, mit dem ich meine ersten Streckentouren gemacht habe. Von meiner Wohnung in Köln-Mühlheim zum Institut in Bonn waren es gut vierzig Kilometer, die ich im Sommer zwei bis dreimal in der Woche gefahren bin. Eine interessante Entdeckung, dass ich zwei Stunden am Stück auf einem Rad sitzen und Druck auf die Pedale geben kann.

In Mannheim habe ich aufgerüstet und mir ein gebrauchtes aber topmodernes Rennrad gekauft. Ich habe die verlorenen Straßen im Odenwald und die duftenden Berge in der Pfalz entdeckt. Mir wurde klar, dass ich zwar ein Rennrad fahre, aber doch kein Rennfahrer bin. Ein Jedermann-Kriteriumsrennen in Ladenburg und der erste große Radurlaub auf Korsika und Sardinien haben mir diesen Gedanken verdeutlicht. So bin ich zum Radwandern gekommen. Das Radwandern hat eine lange Geschichte, die durch die französische Randonneur-Szene geprägt ist. Deren Aufmerksamkeit gilt seit jeher der Überbrückung jeglicher Distanzen alleine durch Muskelkraft. Der noch heute gefahrene Höhepunkt ist der Klassiker Paris-Brest-Paris, eine viertägige Langstreckenprüfung von Paris bis in die Bretagne und zurück.

Mitfahren kann jeder - es ist ausdrücklich kein Rennen -, das Ankommen innerhalb der Zeitvorgabe von neunzig Stunden ist das gemeinsame Ziel. Voraussetzung sind eine Reihe von Prüfungen, sogenannten Brevets, mit denen man die Fähigkeit und Zähigkeit nachweist, Langstrecken mit dem Fahrrad bewältigen zu können. Drei Brevets habe ich 2013 absolviert - einprägsame Erlebnisse, über die ich berichten werde.