Dienstag, 24. November 2015

Das Fest des Radfahrens

So vielen Erzählungen hatte ich gelauscht, Erfahrungsberichte gelesen und Ratschläge gehört. Und doch konnte ich mir nicht vorstellen, wie es sein würde. Die beiden wesentlichen Hinweise waren diese: Zuerst die unbeschreibliche Atmosphäre auf der Straße. Tausende Radfahrer aller Nationen kommen zusammen, um gemeinsam von Paris nach Brest und zurück zu fahren. Sie zelebrieren das Radfahren, indem sie es vier Tage lang exzessiv und exklusiv betreiben. Sie werden darüber hinaus von den Anwohnern entlang der Strecke in ihrem Vorhaben ermuntert und liebevoll umsorgt. Kaffee, Kuchen und Gegrilltes zu jeder Uhrzeit seien keine Ausnahmen. Diese Stimmung treibt die Radfahrer wiederum an, so dass ihnen die 1.200 Kilometer kürzer erscheinen mögen. Das wollte ich nicht glauben – solch ein Volksfest soll mich beflügeln?

Zweitens beschrieb so mancher erfahrene Randonneur die Strecke als landschaftlich karg, abwechslungsarm, ja geradezu langweilig, zumindest jedoch monoton. Keine visuellen Höhepunkte, wie ich sie aus den Mittelgebirgen des Schwarzwalds, der Vogesen und des Jura kenne. Nur Felder und Weiden. Hügel reiht sich an Hügel, als Belohnung eines Anstiegs sieht man schon den nächsten. Da ich zwar mit Pässen kein Problem habe, aber Hügel und Wellen ausgesprochen entmutigend finde, konnte ich mir dies sehr gut vorstellen und war geneigt es zu glauben.

Ganz nach meiner Art habe versuche ich, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Ohne Aufregung zerlege ich mein Rad am Mannheimer Bahnhof und packe es in den Schnellzug nach Paris. Dort am Gare de l'Est wieder zusammengebaut, fahre ich am Arc de Triomphe vorbei durch den Bois de Boulogne und den Park von Saint Cloud nach Versailles zu meinem Hotel. Weiter zum Start am Vélodrome National, wo mir dann zu dämmern beginnt, was für eine Dimension Paris-Brest-Paris annimmt. Hunderte, wenn nicht Tausende Radfahrer sind hier versammelt, um sich und ihre Fahrräder zu registrieren. Jeder Fleck des Vorplatzes und der Wiese ist von abgelegten Rädern eingenommen. Nach dem Treffen der deutschen Randonneure – über 500 an der Zahl – und einem Abendessen mit britischen Randonneuren bekomme ich für eine Nacht noch einmal reichlich Schlaf.

Das Motto des Sonntags ist Zeit totschlagen. Um 16 Uhr gehen die ersten auf die Strecke, bis zum Start meiner Gruppe um 18 Uhr ist nicht viel zu tun. Die vernehmbare Vorfreude all der Randonneure steigt im Tagesverlauf immer mehr an, und im Startbereich wird sie mit dröhnender Musik und Kommentatoren weiter angeheizt. Das ist nun gar nicht mein Fall, und so freue ich mich vor Allem darauf, endlich los zu rollen und der Aufregung zu entkommen. Der Start einer großen Tour ist auch eine Erleichterung: die Aufregung ist vorbei und ich darf endlich Rad fahren. Ich starte gemeinsam mit Olaf, und wir bleiben durch das Startgetümmel beisammen. Wir rollen am Ende der Gruppe über die Startlinie und können die abgesperrten ersten Kilometer gleichmäßig fahren. Es gibt lediglich geringe Positionsanpassungen, recht bald scheint mir das Feld aber sortiert. Da überholt uns schon ein Schwall Randonneure aus der 15 Minuten später gestarteten Gruppe.

Über eine von gigantischen Bäumen geschmückte Allee entkommen wir dem Großraum Paris und sind nun auf den viel gerühmten, endlosen Landstraßen unterwegs. An Autoverkehr ist bei der Masse von Radfahrern gar nicht zu denken. Die Navigation muss kaum beachtet werden, die Schlange kann nicht irren. Oder doch? Am Ortseingang von Norgent-le-Roi zeigt der Pfeil mit der Aufschrift "Brest" nach rechts, wir biegen mit einem Schwall von Radlern ab. Hinter uns ist auf einmal niemand mehr: wir drehen um und merken, dass schon die Navigation kein Selbstläufer ist. Das Pedalieren hingegen läuft noch ganz von alleine. Und in was für einem Rausch, ich spüre kaum wie viel Kraft ich in die Kurbel bringe. Es muss ganz schön viel sein, denn bis zur ersten Kontrollstelle Villaines-la-Juhel bin ich in Rekordgeschwindigkeit unterwegs. Das ist wohl der Beat von PBP.

Die Taktung an den Kontrollen stellt sich ebenso ein. Zunächst gilt es, einen Parkplatz für das Rad zu finden. Es sind zwar massig Stellplätze vorhanden, aber auch mindestens so viele Fahrräder schon dort. Weiter geht es in Richtung Stempel, auf dem Weg dorthin läuft man über eine Matte zur elektronischen Erfassung. Den ersehnten Stempel bekommt man dann von ehrenamtlichen Helfern ins Heft gedrückt, immer mit freundlicher Begrüßung und Wünschen für den weiteren Weg. Zu behaupten, der altmodische Teil der Prozedur sei überflüssig, käme der Ketzerei gleich. Dann kümmert man sich um neues Wasser für die Trinkflaschen und etwas zum Essen - entweder ein schnelles Baguette, Obst, oder Galette, oder man entscheidet sich für eine ausgiebige Mahlzeit am Buffet. Schweinebraten zum Frühstück oder Pfannkuchen um Mitternacht stellen keine unmögliche Konstellation dar.

Nach Villaines verliere ich Olaf. Er meint, ich sei schneller und solle fahren. Ich sehe das anders, aber als er etwas verliert und anhält, trennen sich unsere Wege nun doch. Die Nacht zeigt sich von ihrer dunkelsten und kältesten Seite, und der anfängliche Sprint der Masse beginnt abzuflauen. Irgendwann trennt sich die Dunkelheit in verschiedene Schattierungen, und unter dem einsetzenden Tag zeichnet sich der über Feldern und Straßen liegende Nebel ab. Durch ihn stechen wir gerade hindurch, nehmen jede Unebenheit mit und fahren auf die zweite Kontrolle zu. Am Straßenrand wird schon fröhlich Kaffee und Kuchen ausgegeben; aber was heißt "schon", vielmehr "immer noch" nach der ganzen Nacht, und ein Ende der Gastfreundschaft ist noch nicht absehbar. Ich halte an und lasse mir Kaffee reichen, das Angebot in der Scheune zu schlafen lehne ich jedoch ab. Vielleicht auf dem Rückweg!

Im Strom der Randonneure rolle ich nach Fougères hinab. Mit der Festung ist auch die Bretagne erreicht, die es nun zu durchradeln gilt. Beim Frühstück mit drei oder vier Croissants treffe ich Matthias und Jörg auf einen Plausch, aber jeder von uns fährt alleine weiter. Matthias möchte bis zum Abend in Brest sein, Jörg und ich haben weniger ambitionierte Pläne. Habe ich überhaupt einen Plan? Ich möchte einfach fahren; mein Gefühl wird mich dort hin bringen, wozu mein Körper in der Lage ist.

Durch die Bretagne


Höchst beschwingt trete ich in die Pedale auf diesen immer kleiner werdenden Straßen. Das Wetter scheint Ende August schon spätsommerlich, aber die Sonne strahlt mit aller Kraft zwischen den vorüberziehenden Wolken hindurch. Wind ist kaum wahrnehmbar; vermutlich schiebt er leicht von hinten. So erreiche ich nach der durchwachten ersten Nacht völlig mühelos Tinteniac zu einem frühen Mittagessen und mache mich gleich wieder auf den Weg, weiter in Richtung Brest.

So lieblich die Landschaft und das Wetter auch sein mögen, so hart ist doch auch die Strecke selbst, der wir hier wie einer endlosen Schnur folgen. Viele Randonneure kommen wohl hierher in der Annahme, die Strecke sei flach - was für ein fataler Irrtum! Man kann wohl vielmehr behaupten, Paris-Brest-Paris sei nirgends flach, immer reiht sich nur Hügel an Hügel. Die französische Spezialität der Landstraßen ist besonders charakteristisch: Schnurgerade legen sie sich als Band über die Landschaft, ohne sich auch nur im Geringsten um die Topographie zu kümmern. Jede Bodenunebenheit wird mitgenommen, und als Radfahrer handhaben wir es dann ebenso. Immer wieder erklimmen wir kleine Hügel von vielleicht 20 Metern Höhe, um oben schon den nächsten Hügel zu erblicken. Eine psychologische Geduldsprobe, nur nicht die Nerven zu verlieren. Körperlich anstrengend ist es nicht, kein einziger Anstieg erweis sich als steil.

Es ist nahezu unglaublich, was für eine kulturelle und internationale Vielfalt auf Rädern hier anzutreffen ist. Neben vielen Franzosen, Briten und Deutschen natürlich Europäer aller Länder, aber auch weit darüber hinaus. Sehr viele Amerikaner aus Nord und Süd, Australier, Japaner, Taiwanesen und Chinesen kann ich anhand der Rahmenschilder identifizieren. Dass nicht jeder von ihnen mit dem Fahrrad aufgewachsen ist und so mancher die Herausforderung an sich sucht, erscheint mir auch vollkommen klar.

Viele sind wohl auch erstmals in Frankreich oder gar in Europa und müssen diesen Besuch reichhaltig fotografisch dokumentieren. So auch der taiwanesische Fahrer vor mir, der einfach anhält um sein Telefon auf ein Fotomotiv zu richten. Ich bin so perplex, dass ich ungebremst - wenn auch bei seichtem Anstieg - in ihr rein fahre. Wir rappeln uns beide von der Straße auf, uns gegenseitig entschuldigend, auch wenn ich meinen Ärger nicht ganz verbergen kann. Aus dem Augenwinkel sehe ich das zerbrochene Display seines Telefons, und er bemerkt wohl auch meinen platten Vorderreifen. Wir versichern uns gegenseitig unserer körperlichen Unversehrtheit, und er macht sich vom Acker. Ich stehe also am Straßenrand und freue mich über die Hilfe eines Anwohners bei der Reparatur meines Schlangenbisses. Danke dafür!

Nach dieser Erfahrung verstärkt sich natürlich mein Augenmerk und Gespür für das fahrerische Können der Randonneure. Nun, es geht weiter. Der Zwischenfall hat mich kaum tangiert. So manch anderer soll von weitaus geringeren Inzidenzen aus seinem Konzept geworfen und bis zur Aufgabe getrieben worden sein. Ich bin jedoch so fröhlich und dankbar, dass ich hier fahren darf, dass ich mir gar nichts anderes vorstellen kann als endlich wieder auf's Rad zu steigen. In Quedillac lasse ich mein Vorderrad zentrieren und bemerke, welch Aufwand hier getrieben wird: An jeder Kontrollstelle gibt es nicht nur Essen, Trinken und Schlafmöglichkeiten, sondern auch eine Fahrradwerkstatt! Was für ein Luxus.

Auch kulinarisch bin ich in der Bretagne angekommen und esse zwei Galette-Saucis, also Grillwürstchen im Pfannkuchen. Genial. Gestärkt geht es in den Nachmittag und sobald dann nach Loudéac. An dieser Kontrollstelle herrschrt eine besondere Regsamkeit, da hier die ersten Fahrer ankommen, die schon in Brest waren! Bei mir setzt langsam die Müdigkeit ein und reift die Erkenntnis, dass ich nicht bis Brest durchfahren werde. Das ist völlig in Ordnung, ich stehe ja nicht unter Druck, und dort werde ich auch morgen früh nach etwas Schlaf noch ankommen. So steht die Entscheidung, noch 100 Kilometer in den Abend hinein zu fahren und dann gegen Mitternacht einen Schlafplatz zu suchen. Die Straßen werden auf dem nächsten Abschnitt nochmals kleiner und schöner, und stellen einen landschaftlichen Höhepunkt der Strecke dar - ganz unaufgeregt, ohne geographische Extreme, einfach nur lieblich und ruhig, durchzogen von einem Strom von Radfahrern. Eine perfekte Strecke, um zu innerlicher Ruhe zu finden.

So hole ich mir schnell meinen Stempel in der Geheimkontrolle Saint-Nicolas-du-Pélem und komme schließlich nach Carhaix, tief im Herzen der Bretagne gelegen. Die Stadt hat in dieser Nacht vermutlich doppelt so viele Übernachtungen wie üblich zu verzeichnen, jedenfalls stehen die Randonneure vor der Turnhalle Schlange, um einen Ruheplatz zu ergattern. Lohnt sich die Wartezeit? Ganz gleich, ich will schlafen. Nach einer halben Stunde stehe ich halb unter der kalten Dusche und lege mich dann auf "mein" Feldbett. Vier Stunden Schlaf genehmige ich mir, die zuerst komagleich, dann im Dämmerzustand an mir vorbei ziehen. Aufstehen, anziehen, frühstücken, und wieder rolle ich hinaus in die Dunkelheit.

Das dichte Waldgebiet, das völlig im nächtlichen Nebel verborgen liegt, stellt den mystischen Höhepunkt meiner Fahrt dar. Dazu trägt auch die keltische Besiedelung zu vergangenen Zeiten bei. Huelgoat liegt verwunschen da, als ich von der Route ab auf den Marktplatz einrolle und die Bäckerei aufsuche. Um 5 Uhr morgens ist sie verschlossen, aber innen brennt schon Licht, und so gehe ich zum Seiteneingang und kann zwei ofenfrische Croissants erstehen. Mit deren Wärme scheint auch die Helligkeit über dieses magische Stück Land zurück zu kehren, und auf meiner Fahrt zum Roc'h Trevezel, dem höchsten geografischen Punkt der Strecke, lichten sich Nebel und Nacht und geben den Blick auf die umliegende Landschaft frei.

Überall am Straßenrand liegen Radfahrer, teils in goldglänzende Rettungsdecken gehüllt, teils als seien sie bis zum Äußersten gefahren und dann einfach vom Rad gefallen. Seine Kräfte sinnvoll einteilen interpretiere ich anders. Von der Schlafpause erholt radele ich mich warm und kann kraftvoll in den Anstieg des Roc'h Trevezel gehen. Zunächst lichtet sich der tiefe Nebel, auf den ich von oben wie auf ein Meer hinunterblicke. Hier oben herrscht eine ungeahnte Wärme, von der die unten am kalten Straßenrand liegen gebliebenen wohl nicht zu träumen wagen. Ganz kurz stelle ich mir vor, dieses Meer aus Wolken sei der Atlantik.

Für diesen Anblick muss ich noch ein wenig arbeiten; eine lang gezogene Abfahrt und 50 Kilometer liegen dieser Idee noch im Weg. Nach einem Kaffee und Éclairs in Sizun zieht auch dieser Teil vorbei, und eine Anhöhe gibt den Blick auf die Bucht vor Brest frei. Die Abfahrt vollführe ich jauchzend, tauche wieder in den sonnendurchfluteten Morgennebel ein, und fahre über die verhüllte Brücke in die Stadt ein. Auch die letzten Rampen sind überwunden, bis ich auf dem Schulhof innehalte und verstehe, dass ich in 39 Stunden von Paris nach Brest geradelt bin.


Zurück nach Paris


In Brest verbringe ich eine gute Stunde bei einem deftigen Frühstück und ein paar Plauschereien, um mich dann wieder auf mein Pinarello zu schwingen. Natürlich könnte man jetzt stöhnen, die gleiche Strecke wieder zurück fahren zu müssen, aber bei mir setzt die Höchststimmung gerade erst ein. Die Rückfahrt folgt auch nicht exakt dem Hinweg, sondern verläuft zunächst nördlich des Flusses Elorn bis Landerneau, und trifft dann in Sizun wieder auf die bekannte Route. Hier, wo ich heute meinen Kaffee in der Morgendämmerung trank, kommt mir nun der endlose Strom derer entgegen, die Brest noch vor sich haben. Beide Straßenseiten sind also gut gefüllt, als ich an diesem Tag zum zweiten Mal den Roc'h Trevezel erklimme. Im Anstieg treffe ich Jörg wieder, der mit seiner Achillessehe zu kämpfen hat. Oben macht er eine Pause, aber später treffe ich ihn doch wieder.

Gegenüber den mir entgegen fahrenden Randonneuren empfinde ich weder Triumph noch Mitleid, so wie diejenigen in mir keine hohen Emotionen auslösen konnten, die mir auf meiner Hinfahrt entgegen kamen. Ich bin auf meiner eigenen Fahrt unterwegs; zwar gemeinsam mit Tausenden anderen, aber ohne deren emotionale Einflüsse auf meinen Zustand. Bis zur nun nicht mehr unbekannten Kontrollstelle von Carhaix folgt der Rückweg der D764, einer gut ausgebauten Schnellstraße. Es ist schon wundersam, welch unterschiedliche Straßen sich hinter dem Buchstaben D verstecken können. Diese hier brauche ich eher nicht und bin froh, dass wir die nächsten 400 Kilometer auf dem bewährten hinweg zurücklegen dürfen. Nun ist mir jede kommende Kontrollstelle schon bekannt, auch wenn die Erinnerungen der Hinfahrt schon angenehm verschwimmen und ineinander übergehen.

In Carhaix sieht das Bild nun anders aus als noch einige Stunden zuvor. Lagen am nächtlichen Morgen noch überall schlafende Radler auf jedem Fleckchen Flur herum, so zeigt sich unter den jetzt Anwesenden weniger ein Bild der Müdigkeit als ein Bild der Erschöpfung. Niemand hier befindet sich noch auf dem Hinweg. Alle Randonneure, die es bis hierher geschafft haben, sind 700 Kilometer weit gefahren und auf dem Heimweg. Dass dieser Umstand nicht nur Erhabenheit auslöst, ist hier gut sichtbar. Einige scheinen derart gezeichnet, dass sie nicht auf dem Rad in Paris ankommen werden. Jörgs Achillessehne hat mir vor Augen geführt, dass wir hier unseren Körpern doch mehr abverlangen, als wir bereit sind zuzugeben.

Ich aber fahre weiter. Das Hochgefühl fängt gerade erst richtig an zu tragen. Den mich üblicherweise verfolgenden Leistungsdruck habe ich wohl überwältigt. An mir vorbeiziehende Radler, die lange nach mir gestartet sind, entlocken mir nur noch freundliche Grüße. Die sonst aufwallenden Gedankenspiele über schnelleres Fahren und früheres Ankommen bleiben aus. Ich kann das Radfahren vollkommen genießen. Dieser Zustand ist in meinen Augen das Ziel des Randonneurs bei der Bewältigung der Lanstrecke. Und auch körperlich geht es mir wirklich noch gut. Natürlich wird der Hintern nun an jeder Kontrolle gewaschen und eingeschmiert. Aber darüber hinaus bin ich beschwerdefrei. Manche Haltungsermüdung hat sich als nicht andauernd herausgestellt.

Natürlich ist die Situation günstig. Die Sonne scheint nun den dritten Tag in Folge vom Himmel, und der leichte Wind hat scheinbar vollkommen aufgehört zu wehen. Die Stimmung der Radler und der Anwohner am Straßenrand ist wirklich wunderbar, und zuversichtlich bezüglich meiner Weiterfahrt genieße ich mehr und mehr die kulinarischen Darbietungen der Freiwilligen und Bewunderer. In Loudéac geht es nun beschaulicher zu, und mir scheint die Bewohner nehmen PBP lediglich als Anlass für ihr riesiges Stadtfest. Sie freuen sich ihres Lebens, und obwohl sie die Randonneure anfeuern, feiern sie doch auch sich selbst.

Wieder stellt sich die Frage nach der Nachtruhe. Tinteniac bei Kilometer 850 werde ich nur mit viel Nachdruck erreichen. Und schon auf der Hinfahrt, bei der Reparatur meines Rades, hatte ich mir die Geheimkontrolle Quedillac ausgeguckt. Da man hier auf der Rückfahrt nicht stempeln muss, ist der Schlafsaal vermutlich leerer als an den regulären Kontrollen. So entscheide ich mich, hier um 23 Uhr einzukehren, und tatsächlich sind die Betten nahezu leer. Wieder stehe ich halb unter einen kalten Dusche, um daraufhin unter einer richtigen dicken Decke in den Schlaf zu fallen. Noch einmal gönne ich mir vier Stunden.

Als ich geweckt werde, ist der Raum völlig überfüllt, sogar auf dem Gang und hinter den Esstischen liegen schlafenden Randonneure. Anscheinend liege ich wohl noch vor der großen Masse, und ein bisschen ermuntert mich dieser Gedanke dann doch. Mit ein paar Croissants zum Frühstück setze ich mich wieder in den Sattel. Es ist ja noch sehr früh am Morgen, eigentlich tiefe Nacht. Wie ein paar Nachtschwärmer sind einige Radler auf der Strecke unterwegs, doch die Masse liegt scheinbar irgendwo und schläft. Hier im Landesinneren ist kein Nebel zu sehen, und so rausche ich durch die trockene, mondhelle Augustnacht.

Zeit der Zweifel


Im ersten Morgengrauen komme ich nach Tinteniac. Dann gleich weiter nach Fougères, wo unter den Randonneuren langsam feierliche Stimmung aufkommt. Die Bretagne liegt fortan hinter uns, und drei Viertel der schier unvorstellbaren Distanz sind gemeistert. Meine Laune ist weiterhin gut, jedoch klingt der innerliche Höhenflug ganz langsam ab. Es war eine tolle Fahrt bis hierhin, aber so langsam könnte sie ruhig vorüber sein. Am Nachmittag überqueren wir den 1.000-Kilometer-Marker. Während viele anhalten, frohlocken und fotografieren, fahre ich ohne große Gefühlsregung weiter. Es fühlt sich noch immer gut an, einfach Rad zu fahren. Aber Paris ist noch weit entfernt.

An diesem vierten Tag auf dem Rad fühlt sich vieles schon wie Routine an. Das kontinuierliche Pedalieren, die ganzen Randonneure, die feiernden Anwohner, die liebliche Landschaft, das ewig gute Wetter. Auch die Straßen sind die gleichen wie auf der Hinfahrt. Anfangs dachte ich, sie wären an vielen Stellen frisch asphaltiert worden. Das mag stimmen, immerhin folgte einen Monat zuvor die Tour de France einem Teil der Strecke. Nun habe ich das Gefühl, die Straßen seien gar nicht die selben wie noch drei Tage zuvor. Der Asphalt kommt mir so rau und ungleichmäßig vor. Das liegt natürlich an den geschundenen Nerven in meinen Händen, die die andauernden Vibrationen, die vom Reifen über die Gabel und den Lenker weitergereicht werden. Die Strecke ist einfach zu lang, um sie körperlich unversehrt zu überstehen.

In Villaines-la-Juhel angekommen, es ist Mittwoch Nachmittag, rufe ich Claudia an. Jeden Tag habe ich das getan, um mich nach meiner Familie zu erkundigen. Als ich ihr in weiterhin guter Stimmung verkünde, dass es nun gerne vorbei sein könnte, wird mir klar, dass mir die Prüfung von Paris-Brest-Paris noch bevorsteht. Meine Reisegeschwindigkeit lässt nun spürbar nach. Und als ich im Anstieg nach Mortagne-au-Perche bin, spüre ich meine linke Achillessehne. Endlich meldet sich also mein Körper und unterstreicht die schleichenden Gedanken, dass nun das Sofa angebracht sei.

Den Anstieg erklimme ich in sehr ungleichmäßigem Tritt, und mir ist klar, dass ich das einige Anstiege zuvor schon so gehandhabt habe. Das Problem meiner Achillessehne mag hausgemacht sein, indem ich aus Nachlässigkeit begonnen habe, Anstiege ungleichmäßig hoch zu treten. Aufstehen, reintreten, wieder hinsetzen - auf langer Strecke ist das Gift. Oben parke ich mein Rad und hole mir meinen Stempel, dann schreite ich zum Abendessen über. Der Gedanke, die letzte Nacht so weit wie möglich -- idealerweise bis Paris -- zu fahren, wird hier beerdigt. Zumindest ist eine ausführliche Pause angesagt.

Und hier in Villaines treffe ich Olaf wieder, nachdem ich ihn auf dem Hinweg kurz nach dieser Kontrolle verloren habe. Nach einem kurzeh Erfahrungsaustausch beschließen wir, zusammen weiter zu fahren: Aber erst nach einer Portion Schlaf. Um 22 Uhr liegen wir dann im Schlafsaal und gönnen uns noch einmal zwei Stunden. Zur Geisterstunde stehen wir dann auf, wobei mir die Uhrzeit völlig bedeutungslos vorkommt. Wichtig war die Erholung durch den Schlaf, wichtig ist die Weiterfahrt -- alles andere sind nur Details.

Die Straßen sind voller Radfahrer. Scheinbar versuchen nun alle, bis Paris durchzuhalten. Dass dies nicht jedem gelingt, lernen wir von einem Amerikaner, der mitten auf der Straße, im Schein einer Laterne, an seinem Fahrrad herum bastelt. Scheinbar hatte er einen Platten,  diesen geflickt, und dann seine Kette geöffnet. Die Kette kann er nun nicht mehr schließen. Vollkommen umnebelt ist er, nimmt uns kaum wahr. Olaf kümmert sich um sein Rad, während ich den Radverkehr regele. Der Amerikaner schimpft vor sich hin und bringt für unsere Hilfe kaum ein Danke über die Lippen. Er beteuert, weiter fahren zu können; tut dies aber derart schwankend, dass wir sein Ende schon absehen können. Tatsächlich finden wir später heraus, dass er kurz nach diesem Zwischenfall aufgegeben hat.

Olaf gibt nun den Tritt vor, den ich von hinten mahnend kontrolliere. Bei bewußter, gleichmäßiger Trittfrequenz und gemäßigter Geschwindigkeit kann ich schmerzfrei fahren. Das bekräftigt mich in der Annahme, dass unvorsichtiges Reintreten für den Zustand meiner Achillessehne verantwortlich ist. Nun denn, so könnte es klappen, Paris scheint erreichbar. Olaf ist in Höchstform, quatscht mit jedem an dem wir vorbei fahren. So haben wir auch immer eine Gruppe Radler, die seinen Sog dankend mitnehmen. Die Strecke wird nach langer Bergabfahrt zunehmend flacher, und so kommen wir in Dreux an, der letzten Kontrollstelle vor Paris. Kurz treffe ich auch Jörg wieder, der seine Achillessehne auch im Griff hat.

In Dreux halten wir wirklich nur zum Stempeln an, dann sitzen wir wieder auf dem Rad. Lächerliche 65 Kilometer liegen noch vor uns, das sollte in drei Stunden zu bewerkstelligen sein! So rollen wir mit unserer Gruppe durch die flache Ebene vor Paris in den fünften Tag hinein, Olaf fleißig quatschend, ich schweigend meine Trittfrequenz kontrollierend. Im Wald von Rambouillet warten noch zwei leicht giftige Anstiege, doch dann überwiegt die Sicherheit: wir werden ankommen. In jeder Bushaltestelle liegt ein erschöpfter Randonneur. Auch das nahe Ziel kann so manchem nicht mehr helfen, sein Vorhaben zu meistern. Scheinbar endlos ziehen sich die letzten zehn, dann fünf Kilometer. Durch den Park nähern wir uns dem Vélodrome, stellen unsere Räder ab, und sind da.

Und jetzt?


Olaf und ich umarmen uns. In unser Heft kommt ein letzter Stempel, dann müssen wir es abgeben. Kein Stempelheft, kein Fahrrad -- was sollen wir denn jetzt tun? Es ist neun Uhr am Donnerstag morgen, wir sind zurück in Paris und schauen den Massen zu, die eintrödeln oder schon in einer Ecke liegen und schlafen. Wir setzen uns zu den Engländern und trinken erst mal ein Bier. Etwas zu essen gibt es auch, und ein wenig Euphorie setzt auch ein. Das Wichtigste ist aber Schlaf, und so setze ich mich wieder auf mein Rad und nehme die letzten Kilometer zu meinem Hotel in Angriff.

Es ist nicht so leicht. Ganz gemächlich geht es vorwärts, Hintern und Sehne wollen endlich ruhen. Im Hotel dusche ich eine dreiviertel Stunde lang, dann schlafe ich bis zum frühen Abend. Nach einem ausgiebigen Diner gehe ich wieder ins Bett und wache am Freitag morgen wieder auf. Dann geht es ans Einpacken, und ich fahre mit dem Rad zurück zum Gare de l'Est. Das fällt mir nun wirklich schwer. Immerhin habe ich den halben Tag dafür Zeit, und im Bummeltempo zu fahren ist auch mal wieder angenehm. Rad zerlegen, ab in den Zug, und nach Hause.

Das war es nun also? Das war Paris-Brest-Paris. Die Erkenntnis reift, dass ich in der Lage bin, die unglaubliche Strecke am Stück zu bewältigen. Nun scheint es also keine Grenzen mehr zu geben. In der Euphorie der nächsten Tage, ja Wochen, dreht der Kopf völlig auf und plant die Abenteuer der nächsten Jahre. Die Distanz ist nun kein Hindernis mehr: welche Herausforderungen mag es da geben? London-Edinburgh-London mit seinen 1.500 oder Skandinavien mit 2.100 Kilometern? Die Alpenrundfahrt mit unendlich vielen Höhenmetern?

Eines ist gesichert: Paris-Brest-Paris 2019. Die Stimmung in Kombination mit einer solchen Veranstaltung ist einzigartig. Und die wellige Strecke durch die bretonische Landschaft ist die unverkennbare Prägung dieser Herausforderung.

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